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Vom Sterben. Eine politische Anklage.

 

Luise schaut mir tief in die Augen und sieht aus wie ein angeschossenes Reh. Sie sucht Zuflucht in meinem Blick, sucht Antworten und Erklärungen. 

 

Ich reiche ihr demütig Wasser an. Sie nippt. Sie ist blass, bewegt sich kaum noch und verwirft jeden gutgemeinten Vorschlag. Sie hat die Kontrolle verloren, ist hilflos und geschlagen. „Es ist bald vorbei, Luise. Bald hast Du es geschafft, bald ist es endlich gut.“ flüstere ich ihr zu und habe keine Ahnung, ob mir notlügen in so einer Situation überhaupt erlaubt ist. 

Luises Mann kniet neben mir und auch er hat Angst. Vor diesem Moment hat er sich jahrelang gefürchtet und nun ist er da. Luise atmet flach. Sie weint zwischendurch, versucht aufzustehen und gibt immer wieder auf. Sie hadert mit der Ungerechtigkeit der Welt. Damit, dass sie diese unsäglichen Schmerzen ertragen muss und ihr keine Medikamente mehr wirklich helfen. Überall piepen Geräte, die Monitore laufen. Dann schließt sie die Augen und geht leise im Badewasser ohne Schaum unter. Drei Menschen sitzen daneben und wissen, dass es nun soweit ist: 

 

Wir werden Luise sagen müssen, dass sie nicht Britney Spears ist und die Geburt ihrer Tochter nicht der Musikvideodreh zu „Everytime“.

 

Meine Freundin Luise ist an diesem Abend 40 Wochen und zwei Tage schwanger und hat mir auf halber Strecke der Schwangerschaft einen Antrag gemacht.

 „Nina. Willst Du meine Hebamme sein?“ 

 

Ich war fassungslos. Eine Mischung aus allen denkbaren Emotionen durchspülten in einer Welle mein Herz. „Ist das Dein Ernst? WOW! Wann denn? Aber natürlichOh Gott. Schaffen wir das? Es wäre mir Ehre! Ich muss sofort meine Eltern anrufen. Wir müssen das planen. CHAMPAGNER! Das hab ich mir immer gewünscht. Darf ich auch den Namen aussuchen? Juhuu!“ 

Eine Frage fast so gewaltig wie ein Heiratsantrag. Zumindest wenn man Rechtsanwältin ist. 

Echte Hebammen nehmen diese Frage vermutlich ein klein wenig gelassener hin.

 

Ich verbrachte die folgenden zwanzig Wochen mit der Beschreibung von Wehen. Es gab keinen Superlativ, den ich ausließ, keinen verzerrten Gesichtsausdruck, den ich nicht imitierte und keinen kehligen Laut, die ich nicht ausschweifend formulierte. Ich hopste auf einem grünen Pezziball durch ihr Wohnzimmer und klammerte mich mit wiegendem Hinterteil an die Seile der Kinderschaukel im Vorgarten, um Wehenveratmungsstrategien zu veranschaulichen. Ich thronte breitbeinig auf dem Zahnputzhocker meiner Kinder, um die Vorzüge eines Gebärstuhls zu erläutern. Auf allen Vieren presswehte ich auf ihrem Sofa umher und türmte noch ein paar Kissen auf, über die ich mich dann kunstvoll drapierte, um weitere Gebärpositionsalternativen zu demonstrieren. 

 

Ja. Man kann sagen, dass ich sehr in meiner Rolle aus Aushilfs-Hebamme aufging. 

 

Es war faszinierend, wie nahezu alle Mütter jeden Alters begeistert in meinen Choral des Wahnsinns einfielen, energisch nickten oder ihre Gesichter mitfühlend in den Händen vergruben. Kein Ratschlag war zu absurd, um ihn nicht zu erteilen und jeder zweite Satz gehörte in die Kategorie der Sätze, von denen keine von uns dachte, dass man sie einmal sagen würde. 

 

Eine Auswahl:

 

  • „Zum Schleimpfropflösen kannst Du auf der Toilette ein Heublumendampfbad in einer Schüssel machen. Ich hab mir dabei allerdings damals den Arsch verbrüht." 
  • „Du musst mal versuchen, mit deiner Beckenbodenmuskulatur Murmeln aufzusammeln oder Gras von einer Wiese zu zupfen. Das trainiert.“ 
  • „Frag mal Deinen Mann, ob er bei Dir eine Damm-Massage machen kann. Da gibt es ein super ayurvedisches Würzöl in der Dingsbumms-Apotheke und ein Tutorial auf Youtube dazu. Dann reißt der Damm nicht durch, wenn das Köpfchen kommt.“
  • „Nein, Du verlierst kein Fruchtwasser, wenn Du hustest. Du pinkelst Dir bloß in die Hose. Das wird nach der Geburt noch schlimmer. Trampolinspringen Du vermutlich für immer vergessen.“

  • „Du siehst Deine Füße nicht mehr? Bikinizonen-Waxing ist Dein Retter in der Not! Aber frag bloß nicht Deinen Mann um Hilfe bei der Intimrasur. Danach siehst Du aus wie ein überfahrener Igel. Unglaublich, wie untalentiert die Kerle sind, obwohl sie sich jeden Morgen die Kehle rasieren.“ 
  • „Du hast einen Ganzkörperspiegel im Bad? Mach' den weg! Nach dem Milcheinschuss siehst Du oberhalb aus wie Dolly Buster mit Pandaaugen und fettigen Haaren. Unterhalb wie eine Beutelratte in Netzunterhosen mit matratzengroßen Damenbinden. Es ist echt niederschmetternd.“

 

  • „Nö. Sex ist immer noch super. Wieso fragst Du das denn jetzt?“

 

Wir waren ein schonungslos ehrliches, halbwissendes Improvisationstheater mit Ein-Personen-Publikum, nur ohne Applaus. Luise blieb bis zum Schluss ratlos und wir alle schlossen unsere Auftritte immer mit den Worten ab: „Geburt kann man eben nicht beschreiben. Warte ab und glaub Deiner richtigen Hebamme.“ 

 

Um fünf Uhr morgens kreischte endlich mein WhatsApp-Alarmton im Feuermeldermodus durch das Hotelzimmer, in das ich erst vor drei Stunden eingecheckt hatte. „Hallo Nina. Die Fruchtblase ist um Mitternacht geplatzt. Das Sofa ist ruiniert. Ich bin jetzt in der Klinik. Die Hebamme hier ist sehr nett. Mir ist langweilig. Komm her.“

 

Mit klopfendem Herzen fuhr ich aus Hamburg der aufgehenden Sonne über der Kieler Förde entgegen,  hörte „Hey Baby“ von Anton aus Tirol in Endlosschleife und jubelte auf dem Weg durch die Klinikgänge dem Kind entgegen, das in den nächsten Stunden auf die Welt kommen sollte. Ich würde Zeuge eines Ur-Geschehens werden und würde es dieses Mal sogar genießen können. Völlig ohne Eigenschmerz. YES! 

 

 

Luise kurz vor dem 1. Stern.

Luise  begrüßte mich übellaunig, angestöpselt und verkabelt an einem Wehenschreiber und mit einem Maßkrug voller Eierlikör auf dem dicken Bauch im schummrigen Wehenzimmer der Uniklinik. „Ich hole 10 Sterne für das Team“, verkündete sie heroisch und stellte jeden Dschungelcamp-Bewohner der letzten fünf Jahre in den Schatten, als sie sich den gelblichen Wehencocktail aus Rizinusöl, Aprikosensaft und geheimen Hebammen-Kräuterhexen-Zutaten in einem Zug hinter die Binde kippte. Wir vertrieben uns die Zeit mit dummen Witzchen und als sie leichtes Unwohlsein im Rücken verspürte, wollte sie wissen, ob "diese Wehen noch schlimmer werden würden." Ich log nicht. Sie hasste mich etwas.

 

Wer einer Freundin Toilettenpapier nach einem Einlauf anreicht, während sie von einer Wehe geschüttelt fast von der Toilettenbrille fällt, der knüpft ein Band fürs Leben.

 

Stunden rasten dahin wie Minuten, jede Wehe war Geschenk und Folter zugleich. Ich war begeisterte Zeugin eines Vorgangs, der seit Anbeginn der menschlichen Fortpflanzung vollkommen unverändert geblieben ist und lies meine Freundin an meinen Gedanken teilhaben, um sie anzuspornen.  

" Es ist ja davon auszugehen, dass schon Ötzis Mutter vor 5250 Jahren einen Feuerstein nach seinem Vater geworfen hätte, wenn er während der Presswehen nach einem Vogelbeeren-Müsliriegel gefragt hätte." referierte ich. "Es war zwar nicht nett, dass Du Deinen Mann angeschrien hast, weil er Dich gefragt hat, in welcher Tasche die Knoppers sind, aber ich verstehe das. Krasse Sache mit den Wehen, oder nicht? Seit tausenden von Jahren sind die komplett unbeeindruckt von der Entdeckung des Feuers, der Elektrizität und sogar von Instagram. Sputnik war genauso wenig ein Schock für sie wie Charlie Hebdo oder dieser bekloppte Weltraumspringer Felix Red-Bull Baumgarten. Lagy Gaga hat die gleichen Wehen wie Hillary Clinton oder Daniel Katzenberger. Das nenn' ich mal gerecht verteilte Scheiße. Die Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne dreht, man die Wurzel aus Drei nicht ziehen kann und sogar alle Fußballweltmeisterschaften sind ihnen komplett Banane. Sie waren und bleiben immer gleich ätzend und bringen dabei aber das größte Wunder hervor, dass jedes andere in den Schatten stellt. Man sollte sich für die eigene Persönlichkeitsentwicklung viel öfter an dem Charakter von Wehen orientieren, findest Du nicht ?"

 

Luise zeigte sich in höchstem Maße undankbar für meinen begeisterten Vortrag und drohte mir mit Rausschmiss, wenn ich nicht endlich die Fresse halten würde. Ich verstummte und tönte die nächste Stunde brav gemeinsam mit ihr alle zwei Minuten wunderschöne AAAHs und OOOHs, während das Baby unangenehm auf Luises Steißbein rumlag.

 

Die wunderbare Hebamme im Kreißsaal konnte in Ruhe ihre Arbeit machen und bezog mich in ihre Kunst mit ein. Luises Mann leistete Schwerstarbeit und hielt mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft dem Händedruck seiner Frau stand. 

Als das Köpfchen endlich kam, kniete ich neben ihr im Bett. Ihr rechtes Bein eingehakt in meinem rechten Unterarm und meine linke Hand festgeklammert in ihrer rechten. Sylvester Stallone in Cliffhanger war ein schwächlicher Witz gegen mich. Meine seitliche Bauchmuskulatur erlebte ihr persönliches Waterloo. 

Ich presste jede Wehe mit und weinte ohne Unterlass vor Mitleid, Glück und Stolz, auf meine so tapfere und unendlich starke Freundin, die nun eine Mama wurde. 

 

 

Als Luises Tochter ihren ersten, quakenden Ton von sich gab, war ich davon überzeugt, dass ich noch nie an einem Ort so viel Sinn gemacht habe, wie in diesen Stunden, an der Seite meiner Freundin. 

 

Im nächsten Leben werde ich Hebamme, ich schwör’s. 

Scheiß' auf Robe und Diktiergerät. 

 

Das wäre ohnehin dringend notwendig, denn schon in ein paar Jahren, werden die jungen Frauen in Deutschland ausschließlich auf solche Flachpfeifen wie mich angewiesen sein, wenn sie halbwegs vorbereitet ein Kind zur Welt bringen wollen. 

 

Mein letzter Artikel, der die Abschaffung der Hebammen beklagte, ist nun fast zwei Jahre her. 

Nichts hat sich gebessert. Das meiste hat sich sogar verschlimmert. 

Darum schreibe ich nun noch einmal und frage mich weitere 24 Monate später immernoch: 

Habt ihr eigentlich den Verstand verloren? 

 

Meine Freundin Luise gehört tatsächlich zu einer aussterbenden Spezies. Sie hatte noch eine Hebamme, die sich vor und während der Geburt um sie und um ihr Baby kümmerte. Auch nach der Geburt war sie da und federte diese wahnsinnige und neue Ur-Angst ab: Die immerwährende Sorge um das Wohlergehen des eigenen Kindes.  

Luises Hebamme rückte all diese hysterischen Ratschläge ihrer Freundinnen der vergangenen neun Monate in das rechte Licht. Sie half den Nabel des Babys zu versorgen, kam zu ihr nach Hause, wenn sie fiebernd im Bett lag, weil die Muttermilch sich staute. Sie sah sich den fiesen Riss an, den die Geburt trotz Würzöl und Youtube verursacht hatte und hatte feine Antennen für den Unterschied zwischen mütterlicher Erschöpfung und postnataler Depressionenohne dass Luise mit einem nf Tage alten Baby in ein gynäkolgisches Wartezimmer trampen musste. Sie stopfte Heilwolle in Baby-Pofalten und sah belustigt und aufmerksam dabei zu, wie zwei Erwachsene zum ersten Mal ca. 3000g ihres eigen Fleisch und Blutes in einen Badeeimer tauchen und dabei Rotz und Wasser schwitzen. 

 

Wundern sich wirklich alle aufrichtig, warum sich junge Frauen gegen Kinder entscheiden?  

 Obwohl es heutzutage swimmingpoolartige Gebärwannen in den hochmodernen Kreißsälen gibt und Familienzimmer mit Doppelbett und Stillkissen für die erste Nacht? 

 

Weil etwas ganz anderes wichtig ist: Eine Geburt braucht Zeit und Fürsorge und eine junge Mutter braucht Pflege, Rat, Beistand und eine Menge Mut. Sie braucht kein Origami-Faltbett, keine Mondstein-Wasser-Brunnentränke und auch keine gewachsten Schaukelseile an der Kreißsaaldecke, wie im Affenhaus in der Wilhelma. 

 

Welches Signal senden wir den jungen Frauen da draußen, wenn wir Hebammen, Geburtshäuser und Hausgeburten ungerührt und arrogant aussterben lassen? 

 

Die Vorstellung davon, wie "eine Geburt ist", entwickelt sich immer weiter weg vom gewollten Wahnsinn der Natur und der Urgewalt, für die zwei Brüste und dehnbare Öffnungen zwischen den Beinen einst erfunden worden sind. Überraschenderweise eben nicht für Titten-Selfies auf Instagram oder Brasillian-Waxing. Diese Körperteile sind einst für Babies und Geburten erfunden worden, an deren Ende man sich fühlen sollte wie ein Superheldin, und nicht wie eine knapp dem Tode entronnene Seekuh, die von der Rainbow-Warrior gerade noch rechtzeitig in eine Greenpeace Rettungsstation geschleppt werden konnte. Eine Geburt ist nämlich gar keine absolute Notfallsituation, die man nur in unmittelbarer Nähe zu einem Reanimationszentrum und einer Kindernotfall-Klinik überhaupt überleben kann. Wo ist das ganze Urvertrauen hin, dass eine 5-jährige ganz selbstverständlich mit sich rumträgt, wenn sie sagt: "Wenn ich groß bin, ziehe ich in Omas Wohnwagen und kriege fünf Kinder. Alles Zwillinge." ?

 

Warum sind Geburtshäuser und Hausgeburten wichtig, auch wenn kaum eine Deutsche zuletzt dort war?

 

Mich selbst hätten beim ersten Kind vermutlich keine zehn Pferde in ein Geburtshaus gebracht. Ich dachte, die Sicherheit liefert mir die technische Medizin, dabei war es die Anwesenheit und das Können meiner Hebamme. Ich wusste allerdings, dass ich diese Angelegenheit im Grunde ebenso in einem Planschbecken zu Hause erledigen könnte, wie es 30 % unserer holländischen Schwestern noch heute zu tun pflegen. Ein mobiles CTG in der holländischen Hebammentasche und ein Rettungswagen wartet in der heißen Phase der Geburt vor der Amsterdamer Tür. Dieses Wissen half mir, selbstbewusst in den Kreißsaal zu marschieren. Beim zweiten Kind hätte ich gerne zu den 2 % der deutschen Frauen gehört, die dort entbinden können, wo man sich generell wohl fühlt: Nicht in einer Klinik. Aber da gab es das Geburtshaus in Kiel schon nicht mehr. 

 

Neulich sagte die stellvertretende Pressesprecherin des GKV-Spitzenverbandes Ann Marini in einem NDR Interview: " Freiberufliche Hebammen? Brauchen wir nicht." 

 

Erstaunlich. Ich kenne keine einzige Mutter, die ihre Hebamme nicht für absolut und gänzlich unverzichtbar hält. Keine einzige mir bekannte Großmutter sagt sowas wie: „Die Hebamme hätte ich mir genauso schenken können wie die Anti-Rutsch-Socken für Neugeborene.“ 

 

Selten sind sich Mütter und Väter, Großeltern und Paare so einig wie in diesem Punkt und selten waren eine Gesellschaft und ihre politische Landschaft so taub auf einem Ohr, wie auf dem der Pflegebedürftigkeit von werdenden Eltern. Wir setzen ein fatales Zeichen an der Wiege unserer Gesellschaft: „Wenn ihr jungen Menschen Kinder haben wollt, dann müsst ihr das alleine machen oder es Euch leisten können. Viel Glück. Wir bauen so lange einen dritten Flughafen in Berlin.“ 

 

Immer mehr Hebammen müssen ihren Beruf aufgeben, weil er mehr kostet, als sie einnehmen. 6800 € kostet die Haftpflichtversicherungsprämie für Hebammen. Sie muss versichert sein, um überhaupt als Hebamme eine Geburt betreuen zu dürfen. Wovon soll sie das bezahlen, wenn sie  30,00 € für einen Wochenbettbesuch und 700,00 € pauschal für eine 20-Stunden Geburt abrechnen kann. Brutto. Hebamme mag eine Berufung sein, aber es ist auch ein Berufmit dem man Geld verdienen muss.

 

 

Zurück bleiben die jungen Paare, die sich ein Kind wünschen. In Göttingen annoncieren die ersten Schwangeren in den Tageszeitungen unter „Vermischtes“: 

Ich bin in der 5. Woche schwanger und finde keine Hebamme für den Geburtstermin im Herbst. Wer hat noch Kapazitäten?“ 

Welchen Eindruck macht das auf eine junge Frau, die zum Kaffee eine Zeitung liest und überlegt, ob sich Kinder bei ihrem Gehalt überhaupt lohnen? 

 

Alternativen zu einer Klinikgeburt gibt es mittlerweile kaum noch - und nicht mal die ist in vielen Gegenden noch möglich

 

Die ersten Schwangeren haben gar keine Kreißsäle mehr in ihrer Nähe. Sie sind Deutschlands Wirtschaftsflüchtlinge, aber die interessieren die grenzdebilen Brüllaffen in Heidenau nur, wenn sie „vom Balkan kommen“. Sylter oder Oldenburger Schwangere sollen vor der Geburt in ein sogenanntes „Boarding-Haus“ umziehen. Das ist eine Art Flüchtlingsheim für Bald-Gebärende, nur ohne Feldbetten, an deren Wohnort keine Geburten mehr betreut werden  können. Aus wirtschaftlichen Erwägungen.

 

Auch die Zahl der verfügbaren, aber dringend benötigten Beleghebammen in den Kliniken sinkt täglich. Chronisch unterbesetzt rasen die verbliebenen, festangestellten Hebammen zwischen den Kreißsälen hin und her. Den Kliniken fehlt das Geld dafür und wisst ihr was? Ich glaube ihnen sogar.  Der Kreißsaal in Bruchsal in Baden-Württemberg hat so wenig eigene Hebammen und Beleghebammen aus dem Umkreis zur Verfügung, dass die rundlichen Damen dort bitteschön so freundlich sind, während der Öffnungszeiten zwischen 7 und 17 Uhr ihr Kind rauszupressen. Dann ist zu. Die Sätze, die die Krankenkassen für eine Geburt bezahlen, reichen auch den Kliniken nicht um die Kosten schultern zu können, daher drehen sie am Personalschlüssel. Auf Kosten der Mütter, die alleine im Kreißsaal liegen. Aber "kein Geld da" kann doch bitte nicht das Ende der Diskussion sein? Das ist mir zu billig.

 

Kein Kreißsaal in der Nähe? Keine Hebamme, die das Kind zu Hause entbindet? Das Geburtshaus am Ort geschlossen? Das ist ja schon etwas blöd, jetzt. Die Verantwortlichen haben sich an einen Tisch gesetzt und folgende Lösung erarbeitet: In Ostholsteins Norden beispielsweise wird eine Schwangere jetzt mit Christoph (42) in die Eutiner Klinik gebracht, wenn die Wehen nachts spontan einsetzen. Christoph ist leider nicht der Kindsvatersondern ein "Hubschrauber-Fluggerät vom Typ BK 117, eine Gemeinschaftsproduktion von Messerschmitt-Bölkow-Blohm und Kawasaki", loben die Lübecker Nachrichten das neue sogenannte Sicherheitskonzept. Klingt doch nach einer Maßnahme in der sich ein Lawinenopfer, äh, eine wehende Mutter supergut aufgehoben fühlt

"Schauen Sie mal raus, Frau Wagner! Da unten paaren sich die Seehunde am Strand von Niebüll. Ist das nicht putzig mitanzusehen?"  

Als junge Frau mit reduzierter Abenteuerlust, würde ich meinen Kinderwunsch in Ostholstein heute deutlich überdenken.

 

 

Wenn es um die Pflege von Schwangeren und damit um Paare mit Kinderwunsch geht, scheint also keine „Lösung“ absurd genug zu sein, um sie nicht als eine solche zu präsentieren. 

 


Ein Ortan dem eine Frau sicher ein Kind gebären kann. Ich hätte diese Problematik eher nach Nigeria oder Syrien verordnet, nicht nach Föhr oder Amrum.

 

Manche Kommentarspaltennutzer von Onlineartikeln zum Thema bezeichnen Geburten, vorallem die außerhalb einer Klinik, gar als „Luxus für Öko-Tanten, den solche Frauen eben selbst bezahlen müssten". Am nächsten Tag sitzen genau diese Vögel nach einer Stunde AOK-Aquarobic auf Rezept völlig selbstverständlich im Wartezimmer ihres Dermatologen und lassen sich auf Kassenkosten eine Krampfader veröden

Wer zudem das Wort "Luxus" im Zusammenhang mit Hebammenbetreuung verwendet, wo auch immer sie stattfindet, der hat noch nie eine Honigmelone aus einer Öffnung so groß wie eine Zitrone gepresst und war dabei mindestens eine Stunde fest davon überzeugt, jeden Moment den Löffel abzugeben oder alternativ den Freitod zu wählen, damit diese Schmerzen endlich aufhören. Derjenige schmierte sich auch noch nie gekühlten Magerquark auf medizinballgroße Betonbrüste und verging auch nie im Fieberwahn fast vor Angst, dass der vier Tage alte, durchgehend schreiende Säugling ihm unter den Händen verhungern könnte.

 

Und solche und solche“ Frauen gibt es seit Anbeginn der Menschheit nicht, zumindest nicht, wenn es um die letzten Zentimeter der Muttermund- Eröffnungswehen geht. Da bricht die Öko-Tante ihrem Mann genauso ungerührt die Hand, wie das Chi-Chi-Mäuschen aus der Edelboutique. 

 

Ich erwarte eine Lösung. 

Dieser Zustand ist nicht hinnehmbar. 

Ich erwarte eine Lösung von der Politik, den Versicherern, den Hebammenverbänden, bessere Zusammenarbeit von Ärzten und Hebammen und den kommunalen Vertretern. Ich erwarte Einigungen und weniger Lobbyismus.

Ich erwarte Engagement, Respekt und Demut vor der Sacheum die es geht.

 

Ich möchte eine Geburt wie sie sein soll. Wie sie schon immer war und nicht, wie sie am "wirtschaftlichsten" ist. Wirtschaftlichkeit können wir uns hier einfach nicht leistenEs ist nicht Klage auf hohem Niveau, es ist die Basis.

Quelle: Hebammenverband

Diese Debatte ist eine der Wenigen, die man niemals "satt" haben sollte, deswegen greife ich sie nochmals auf. Sie ist weder feministisch noch ist sie emanzig, noch betrifft sie eine Minderheit. Geburten sind das Grundsätzlichste, was wir in einer Gesellschaft zu bieten haben. Endlich mal etwas vollkommen Geschlechter-, Glaubens- oder Altersunabhängiges.

 

Geburten und wie und wo sie stattfinden können, in einem der reichsten Läder der Erde, sind kein Thema, das "heute maan der Tagesordnung" sein sollte und morgen von einem VW-Diesel-Skandal oder dem Eurovision Song Contest abgelöst werden darf. Im Interesse aller Kinderlosen und Familien, denn wir leben in einem Sozialsystem, das ohne Kinder zusammenbricht. Für alle. Ohne wenn und aber. 

Es geht nicht um die Geburt der Anderen.

 

Es geht um etwas ganz Fundamentales, eine Säule unseres Generationenvertrages, um die Wiege unserer Gesellschaft, in der wir leben wollen. 

 

Ich bin schlicht fassunglos wie wenig in den letzten Monaten passiert ist und wie diese Situation seit Jahren einfach ignoriert und immer wiedeumgangen wird. Trotz tausender Stimmen in den Medien und auf den Straßen, die sich täglich laut und stark machen. Selten war sich Deutschland so einig und selten eine Lösung fernen.

 

Wenn das so weitergeht, müssen wir uns um die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" nicht mehr kümmern und ich muss keine Mütter mehr durch ihre Elternteilzeit klagen. Dann kann ich endlich Hebamme werden.

 

Rechtsanwältinnen in Kreißsälen sind keine Alternative. Fragt Luise. 

 

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