· 

Es ist Zeit für Zeitumstellung!

„Wenn man zum Arzt geht, kommt man kränker wieder raus!“ So rechtfertigt mein Vater seit 70 Jahren, dass er nur in Ausnahmefällen eine Praxis betritt und sich dabei jedes Mal benimmt, wie ein Hund der zur Tierärztin muss. Ich glaube er hat Recht, denn ich brauche seit meinem letzten Arzttermin angeblich ein Hörgerät. Und ich bin noch nicht mal 37. Eigentlich wollte ich nur überprüfen lassen, warum mein Ohr seit dem Urlaub so komisch knackt. Das war aber nur gesammeltes Mittelmeerwasser und das Problem in 11 Sekunden behoben. Dann stellte mir der HNO-Arzt aber leider eine große Stimmgabel auf den Kopf und fragte, ob ich den Ton auf einem Ohr lauter oder leiser hören würde. Dummerweise hörte ich ihn gar nicht. Mehrfach. Also verbrachte ich weitere zwei Stunden mit Kopfhörern in einer Kabine mit Eierkartontapete und drückte auf Knöpfe, sobald ein wahrnehmbares Fiepen erklang. Meine Vermutung, dass mein Gehirn vielleicht einfach nur die Tonhöhen quengelnder Kinder auf „lautlos“ gestellt hat, quittierte der erstaunlich humorlose Arzt mit der Alternativdiagnose „Hörsturz“. Dann doch lieber das Hörgerät.

 

Wieso höre ich so schlecht wie meine eigene Oma? Und wieso sitze ich, ebenfalls wie meine eigene Oma, schon vor acht Uhr morgens in einer Arztpraxis, obwohl ich wie die Familie in der Bausparvertrag-Werbung liebevoll einen Croissant mit Butter bestreichen sollte, umringt von lächelnden Kindergesichtern und einem frischgeduschten Mann im Anzug und mit guter Laune und einer Zeitung unter dem Arm?

 

WARUM ? WEIL MEINE KINDER UM DIE ZEIT SCHON LÄNGST IN DER GRUNDSCHULE SIND, VERDAMMT!

 

Seit das ältere Kind vor drei Jahren eingeschult wurde, stehen alle anderen Familienmitglieder ebenfalls um sechs Uhr morgens auf. Auch das Kindergartenkind. Wenn man ein Kind bekommt, musst man nämlich als Erwachsener eines Tages wieder in die Schule zurück, und zwar leider nur in den Teil, der nicht mit „Mikroskopieren von Kuhaugen “ und „in den Klassenkameraden verknallen“ zu tun hat. Wenn man mehr als ein Kind bekommt, dann ist sogar oftmals zwei Jahrzehnte lang wieder „morgens-früh-um-sieben-die-Welt-einen-Scheißdreck-in-Ordnung“! Das einzig wirklich ätzende an der Schulzeit war für mich das frühe Aufstehen. Das habe ich in Zeiten des akuten Kinderwunsches vor zehn Jahren irgendwie nicht bedacht. Und keiner hat’s mir gesagt. Alle redeten nur vom Schlafmangel im ersten Babyjahr. Pfff...

 

Schulbeginn ist bei uns seit drei Jahren also um 07:45 Uhr.

Um 07:20 Uhr ist Abmarsch für alle Familienmitglieder Richtung Ernst des Lebens. Manche Kinder haben etwas „später“ Schule als wir, aber „später“ ist in Deutschland flächenübergreifend so um 08:30 Uhr und das ist immer noch mitten in der Nacht.

 

Ich möchte als Kind und auch gerade als Mensch mit Kindern zu einer humanen Uhrzeit aufstehen und vor allem zu einer sinnvollen Zeit mit der Arbeit beginnen dürfen. Das Eine funktioniert nur zusammen mit dem Anderen. Ich möchte nicht schon um kurz nach sechs Uhr morgens alle möglichen Drohungen und Flüche ausgestoßen haben, die ein elterliches Repertoire hergibt, weil vor lauter Müdigkeit keiner tut, was er leider tun muss. Das negative Chi pendelt sich doch den ganzen Tag nicht mehr ein? (Und Mütter von Drittklässlern altern sogar derartig rapide, dass sie ein Hörgerät brauchen! MIT SECHSUNDDREISSIG!) Ich stehe schon extra eine halbe Stunde früher auf, damit ich nicht im Schlafanzug ins Büro muss und habe schon überlegt nur noch im Harry-Potter-Style rumzulaufen. Aufstehen, Robe überwerfen und mich darunter einfach gar nicht mehr anziehen. So schlimm ist es!

 

Wenn wir sogar auf einem ganzen Kontinent schwupp-di-wupp die Winterzeit abschaffen können, kann mir niemand erzählen, dass man in Deutschland nicht flächendeckend erst um neun Uhr mit der Schule beginnen könnte.

 

Wenn man einfach so ein ganzes Schuljahr streichen kann, von G9 auf G8, dann kann mir keiner sagen, dass sowas eine „unmögliche Reform“ wäre und die gesamte Arbeitswelt abfucked und wir alle verarmen, verhungern und unterbeschäftigt sein werden. Wir haben den Kindern durch G8 ungerührt einfach noch mehr Tagewerk aufgehalst, statt die Schuljahre so zu lassen wie sie sind und den Kids stattdessen die Stunden morgens zu schenken, die sie brauchen. Währenddessen tingeln Life-Coaches durch die Unternehmen und versuchen ganze Abteilungen an Erwachsenen daran zu erinnern, dass wir irgendwie in eine Schieflage geraten sind.

Es gibt massenhaft 13-jährige Schüler*innen, die sitzen noch eine Stunde an den Hausaufgaben, da ist der Onkel von nebenan schon ‚ne halbe Stunde aus dem Finanzamt zu Hause. Alle beklagen, dass den Vereinen der Nachwuchs fehlt und alle nur noch am Computer daddeln? Wie zynisch ist das, wenn selbst wir Eltern abends zu nichts mehr in der Lage sind, außer vielleicht Serien glotzen und dabei mit dem Handy in der Hand einzuschlafen?

 

Ich habe nachgeschaut: Wenn die Sommerzeit jetzt bleibt, dann geht in Kiel am 12. Dezember die Sonne erst um 09.38 Uhr erst auf. Das ist in Worten „fast-Viertel-vor-Zehn“! Da ist an allen Schulen des Landes die große Pause längst durch und es ist noch immer so dunkel, dass man einen Laternenumzug machen könnte.

 

Nicht eine einzige Studie kam bisher zu dem Ergebnis, dass dieser sehr frühe Schulbeginn Vorteile für die Lernbereitschaft und die Aufnahmefähigkeit der Kinder bietet.

 

Die Auswirkungen sind nicht mal neutral, sondern das Gegenteil. Dies bestätigen Wissenschaftler um Wissenschaftlerin: Unser Gehirn, vor allem das der Kinder, schläft noch. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine super Sache, aber die muss nicht schon morgens um sechs Uhr anfangen und ist dazu noch psychologisch, medizinisch und gesellschaftlich ungesund. Ich finde das in der heutigen Zeit aus so vielen Gründen zynisch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

 

„Ich muss aber leider so früh bei der Arbeit sein“ ist das kräftigste und natürlich häufigste Gegenargument.

Es gibt ein paar Branchen, da ist das tatsächlich so, aber es sind viel weniger als man denkt. In den allermeisten wären spätere Arbeitszeiten lösbar und in vielen sind sie sogar schon gelöst. Und wenn es mehrere Elternteile gibt, könnte zumindest vielleicht einer später anfangen. Eltern mit Schichtdienst regeln das schon immer so. Wir sind mit unserer Erwachsenenwelt dafür verantwortlich, worunter wir schon als Kinder gelitten haben und machen mit den heutigen ABC-Schützen und verquollenen Teenagern so weiter. Die wollen zwar alle erwachsen sein, sind aber doch erst 14 Jahre auf der Welt! Das ist NICHTS! Die werden alle 98 und wir hetzen sie durch die Schulzeit, als wäre das Leben mit 35 vorbei! Diesen absurden Kreislauf muss man doch mal unterbrechen? Wenn nicht jetzt, wann dann? Wir haben durch die Digitalisierung so viel Zeit gewonnen, wo ist die eigentlich hin?

 

Wir haben unseren Kindern ein ganzes Schuljahr gestrichen nur um Kosten in der Bildung zu einzusparen, da wird ja wohl eine erneute Reform ebenfalls drin sein. Nun mal zu Gunsten unserer Kinder! Müssen wir wirklich unseren ersten Arzttermin um 07:30 Uhr anbieten? Müssen wir wirklich um 08:00 Uhr Schnupfenmedizin verkaufen, eine Bank besuchen oder Buchhaltung erledigen oder Verwaltungsakte stempeln oder im Gerichtssaal einen Verkehrsunfall verhandeln? Oder ginge das relativ flächendeckend auch zwischen neun und halb zehn? Zumindest bei einem Elternteil? Wie in so vielen anderen Ländern auch? England, Schweden, Japan: Alle haben umgestellt und den Schulbeginn auf neun Uhr gelegt. Bisher ist dort kein Zusammenbruch des Arbeitsmarkts erkennbar. Klar, gibt es dort häufiger Ganztagsschulen, aber mal ganz im Ernst: Ganz viele Kinder sind heute bereits bis 16:00 Uhr in der Schule. Das zählt als Ganztag. Unsere Kinder arbeiten quasi Vollzeit. Ich möchte Teilzeit. Für alle.

 

„Wenn wir später anfangen, dann müssen wir auch automatisch alle länger arbeiten.“

Ja? Ist das so? Oder haben wir uns nur an dieses vermeintliche „Gesetz“ gewöhnt? Manche von uns müssten das vielleicht tatsächlich, aber sehr viele von uns in Wahrheit eigentlich nicht. Es wird nämlich dringend Zeit, die Strukturen der über hundert Jahre alten Industrialisierung mal an die digitalen Gegebenheiten anzupassen. Die letzten zehn Jahre Smartphone und Digitaltechnik haben uns und der Wirtschaft so viel Zeitersparnis gebracht, wir machen alle längst Überstunden. Ich schaffe in 20 Minuten im HNO-Wartezimmer spielend den Workload von zwei Stunden im Jahre 1995: Banking, Emails, Infobroschüren, Urlaubsbuchungen und Online-Shopping. So sieht es an den Schreibtischen der Republik auch aus: Alles geht in der Hälfte der Zeit. Da hätte Oma fasziniert ihr Hörgerät verschluckt und mit dem Anruf bei Tante Frieda nicht erst gewartet, bis sie zu Hause am Festnetztelefon überhaupt mal erreichbar ist.

 

Schulrechtlich ginge das. Schulangelegenheiten sind Ländersache. Die meisten Bundesländer haben gar keine Zeiten für den Schulbeginn ins Gesetz geschrieben. Eigentlich nur Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern. NRW, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. In Sachsen Anhalt sind sie am krassesten drauf: Dort ist 07:00 Uhr als Schulbeginn im Rahmen (Erlass des MK vom 16.01.2012, SVBl. LSA, S. 28, Nr. 3.1). Bei den anderen meist 07.30 Uhr bis 08.30 Uhr. Das heißt, die Schulen dürfen in den (nicht) vorgegebenen Rahmen den Schulbeginn legen. In den Bundesländern ohne gesetzlichen Rahmen, wäre es also unproblematisch möglich einfach um neun zu beginnen, die sechs übrigen müssten an die normative Grundlage ran.

 

Arbeitsrechtlich ginge das auch. Arbeitgeber müssen gesetzlich keinen bestimmten Arbeitsbeginn einhalten. Vielmehr müssen sie nur darauf achten, das Arbeitszeitgesetz zu beachten, also nicht mehr als 8 Stunden täglich die Mitarbeiter zu beschäftigen, mit entsprechendem Ausgleich maximal 10 Stunden. Zwischen den Einsätzen müssen 11 Stunden Pause liegen. Ich wette, dass einige Teenager, wenn sie Hobbys haben und dann um 20:00 Uhr schnell noch Hausaufgaben machen müssen, diese Pausezeit für erwachsene Arbeitnehmer nicht einhalten. Die sitzen um halb 8 wieder am Schultisch. Das ist nicht ok.

 

Eigentlich steht unser erwerbsorientiertes Gesellschaftsleben einer Umstellung entgegen. Klar müssen wir alle arbeiten. Aber: Was wäre denn mit einer Vollzeitdefinition, also einer "Regelarbeitszeit" von 30 Stunden statt 40 - bei gleicher Bezahlung? Wir schaffen ja auch das, was wir früher nur in 40 Stunden schaffen konnten heute Dank Email, Internet und digitalen Helfern in 30 Stunden. Niemand, außer vielleicht ein Neurochirurg der gerade ein Gehirn austauschen muss, konzentriert sich 8 Stunden am Stück. Wir alle wissen doch, dass wir diese zwei Stunden eigentlich auf sechs runterkürzen können. Oft hält uns nur die geringere Bezahlung davon ab und das, liebe Arbeitgeber, kann nicht in Eurem Sinne sein. Es geht darum, dass die Arbeit erledigt wird. Nicht um die Zeit, die man dafür braucht. Angesichts der massiven Einsparungen an Kosten für die Wirtschaft in den letzten Jahren durch die Digitalisierung ist eine 30 Stunden Woche bei gleichem Gehalt mehr als möglich und gelinde gesagt „überfällig“. Davon profitiert auch der Niedriglohnsektor, auch die Putzhilfe und der Kassierer haben Kinder und brauchen die Zeit. Schenken wir sie doch endlich mal den Kindern! Die Kassen sind ja auch doppelt so schnell als noch vor 15 Jahren.

 

Gibt es Kernarbeitszeiten früh oder spät in vielen Berufen? Klar! Aber die sind schon heute selten vor 9 Uhr. Zusätzliche Arbeitsstellen dürfen übrigens gerne geschaffen werden, statt immer mehr Arbeit auf immer weniger Menschen zu verteilen. Ich referiere auf Konferenzen oder in Unternehmen zu „Arbeitszeitmodellen 4.0“ und deren kreativen, arbeitsrechtlich konformen Umsetzung. Es gibt so viele tolle Modelle, vom lebenslangen Arbeitszeitkonto, über Vertrauensarbeitszeit, Jobsharing, agiles und mobiles Arbeiten. Ich schleppe meine halbe Kanzlei auf dem Notebook mit mir rum. Daran war vor zehn Jahren nicht zu denken, da gab es noch 100-Frei-SMS und eine MMS kostete 39 Cent. Damals konnte man nicht mal eben in der S-Bahn Emails beantworten. Anfangs sind manche ganz „Anti“ und wittern Faulheit gegen Kohle, regelmäßig erklärt mir auch ein ehemaliger BWL-Student oder jemand der „sich in Jura eingelesen hat“ das Arbeitszeitgesetz oder eine Frau hat einen Bekannten, der arbeitet im Schichtdienst, da „ginge das aber wirklich nicht“ und ein paar Menschen finden, dass man das Problem für die Kinder ja wohl auch durch „frühes Zubettgehen“ und Brotdosen-am-Abend-befüllen lösen könne. Nun.

 

Einzelfälle und bestimmte Branchen sind sicherlich ausgenommen, manchmal muss es wirklich, wirklich 7 Uhr sein. Oder 5 Uhr. Das ist aber niemals das ganze System und unseres ist fraglos auf Erwerbsarbeit ausgerichtet. Das ist schon ok, aber es gibt Grenzen. Obwohl uns die Maschinen und die Technik so viel abnimmt wie noch nie, ist trotzdem nicht eine einzige bummelige Stunde mehr Zeit am Tag für die Familie oder für Hobbies übrig als vor 35 Jahren und auch nicht, um die Kinder 1-2 Stunden später zur Schule zu schicken. Das ist doch absurd?  Wo verdammt nochmal ist diese gewonnene Zeit, in der ich früher eine Überweisung bei der Bank abgeben musste, Briefmarken bei der Post holte oder mit einem Telefonat warten musste, bis jemand das Festnetz abnimmt? Man müsste mal bei MOMO nachfragen und den grauen Herren...

 

Weniger arbeiten geht in den meisten Berufen nicht? Stimmt nicht. Ansonsten würden nicht hauptsächlich die Frauen die in Teilzeit arbeiten fast den Workload von den früheren 40 Stunden schaffen. Männer können das auch! Ich glaube da fest an die Jungs! Meines Wissens haben Männer dieselben Berufe, also warum nicht ebenfalls reduzieren? In Skandinavien ganz normal. In den Niederlanden auch.

 

Man stelle sich mal vor, wir kämen alle dahinter, dass wir in ganz vielen Berufen in sechs Stunden genauso produktiv sind, wie in acht Stunden, zumindest, wenn wir WhatsApp geschlossen halten und diese zeitfressenden Meetings abschaffen und Homeoffice gesetzlich regeln, wie in den Niederlanden. Huch! Dann wäre Karriere plötzlich in „Teilzeit“ möglich, Mütter und Väter und Singles und Alte und Junge gleichauf. „Wer länger bleibt, der arbeitet wohl nicht konzentriert.“, so ist der Duktus in Schweden. Niemand kann sich acht Stunden am Tag durchgehend konzentrieren. So oft, wie ich in einem Gerichtssaal schon gehört habe „Bei uns im Betrieb geht keine Teilzeit“, so oft habe ich Richter*innen widersprechen hören. Wenn 30 Stunden wie 40 Stunden entlohnt werden, fällt auch das monetäre Argument weg.

 

Man muss nicht nur die Uhren, sondern auch die Gewohnheiten irgendwann mal umstellen oder zumindest aufweichen und in Frage stellen. Das möchte ich hier erreichen.  Sicherlich geht das nicht smooth und easy,  sicherlich bedeutet es für Einzelne weniger Geld oder mehr Aufwand, für viele andere würde es aber das Gegenteil bedeuten. Das ist das Wesen von Reformen, sie greifen nicht bei jedem.  

 

Unsere Bundesregierung hat sich in den letzten 12 Monaten lieber mit Horst Seehofer und seinen trumpistischen Machtspielen beschäftigt, es wäre also an der Zeit mit der Arbeit anzufangen, damit wir irgendwann mal zu Themenkomplexen wie diesen hier kommen können und den Wald vor lauter Bäumen wiedersehen. Meinetwegen auch erst im Bundestag ab 10:00 Uhr morgens. Es wird Zeit, dass sich die Arbeitszeit wieder dorthin dreht, wo sie herkommt. Wir haben die Arbeitszeiten selbst erfunden, sie kamen nicht mit Moses vom Berg Sinai herunter, sondern wir haben sie als Gesellschaft in der Hand.

Hören wir den Forschern und Ärzten und Psychologen doch mal zu. So taub kann man doch gar nicht sein.

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 24
  • #1

    Anja (Mittwoch, 03 Oktober 2018 19:58)

    Ich möchte klatschen, alle zusammentrommeln und den Text auf viele Banner schreiben. Danke! Ich hoffe sehr, dass ihn noch viele lesen und vor allem verstehen.

  • #2

    Rebecca (Mittwoch, 03 Oktober 2018 20:55)

    Danke, danke, danke! Ich gehe durch die Hölle seit Kind 1 im August eingeschult worden ist. Kind 2&3 müssen jetzt wohl oder übel ebenfalls über eine Stunde früher aufstehen; das kann doch für keinen gut geschweige denn gesund sein :-(

  • #3

    Michaela M (Mittwoch, 03 Oktober 2018 21:08)

    Das spricht mir so aus der Seele - Bravo!!!
    Ich hab zwar noch kein schulpflichtiges Kind und bin auch eher so der Frühaufsteher, aber das mit der Digitalisierung und Arbeitszeit geht mir auch ständig im Kopf umher. Was passiert denn mit der ganzen angenommenen Arbeit und gewonnenen Zeit - irgendwie wird nur mehr geschufftet und es gibt mehr Stress

  • #4

    Nina (Mittwoch, 03 Oktober 2018 21:28)

    Liebe Juramama,
    Warum müssen denn alle früher raus? Kann das Schulkind nicht alleine laufen?
    Meine Jungs sind von jeher Frühaufsteher (6 Uhr), wir sind eigentlich immer um acht in der Kita. Aber wahrscheinlich ändert sich das pünktlich zur Einschulung �.

  • #5

    Saskia (Mittwoch, 03 Oktober 2018 22:54)

    Ich kann der Argumentation nicht ganz folgen.

    Seit der Einschulung müssen alle früh aufstehen? Dann war es zu Kindergartenzeiten also anders/später? Aber dann sind die Arbeitszeiten ja gar nicht schuld, offensichtlich stand ein späterer Kindergartenbesuch der Arbeit nicht im Wege. Und wenn man den enorm gestiegenen Antei an Arbeitsplätzen mit Gleitzeit betrachtet, scheint der Arbeitsbeginn wirklich nicht die Ursache für das frühe Aufstehen in den Familien zu sein.

    Wenn es also nicht die Arbeit ist, sondern das Problem allein im frühen Schulbeginn liegt, dann frage ich mich, warum sich das auf die ganze Familie auswirkt? Bei uns sollen die Schulkinder ab der ersten Klasse den Schulweg allein zurücklegen. Das ermöglicht Erfahrungen, die im Auto oder in Begleitung der Eltern nicht möglich sind. Dahinter stehen auch wissenschaftliche Betrachtungen. Und Grundschulen liegen (außer auf dem Land abseits der Ortschaften) wohnortnah. Extra, damit sie für die Kinder gut erreichbar sind.

    Wenn man dem folgt, dann muss nur ein Elternteil morgens das Frühstück des Schulkindes richten, die Kindergartenkinder können liegen bleiben.
    Und das muss sich auch nicht ab 6 Uhr abspielen: mit am Vorabend gedecktem Tisch, geschmierter Brotdose usw. kann auch das Schulkind irgendwann zwischen 6:30 und 7 Uhr aufstehen.

    Der Chronotyp (also Frühaufsteher, Durchschnitt oder Spätaufsteher) ist genetisch festgelegt, ändert sich aber im Lebensverlauf. So sind Kleinkinder meist und Kinder bis zur Pubertät überwiegend Frühaufsteher (Lerchen) mit der Pubertät verschiebt sich der Schlaf-Wachrhythmus nach hinten (Eulen). Das heißt, für Grundschüler ist ein früher Schulbeginn überwiegend gar nicht gegen den Biorhythmus angelegt. Vielmehr leiden wohl die Eltern, wenn man den Veröffentlichungen zum Thema folgt.

  • #6

    Nesrin (Mittwoch, 03 Oktober 2018 23:10)

    Gut geschrieben! Sehe ich auch so.
    Ich verstehe unsere Gesellschaft auch nicht.
    Ich weiß nur, wie letztens in einem Artikel 'nett' formuliert: "Der Mensch ist die einzige Spezies, die ihre Jungen im Dunklen weckt."

    Der ganze "Rest" hängt ja quasi irgendwie damit zusammen. Ich verstehe auch nicht, warum wir alle zwingend 8h arbeiten müssen am Tag und warum es in dieser Gesellschaft immer nur um noch wirtschaftlicher anstatt menschlicher geht!

  • #7

    Jacqueline Cappi (Mittwoch, 03 Oktober 2018 23:40)

    Toller Text. Kann ich so unterschreiben. Würden doch mal mehr über ihren selbstgebauten Tellerrand schauen.
    Wenns endlich mal so weit ist mit der Reform, ich bin dabei!
    Weiter so!
    Liebe Grüße von der Küste
    Jacqueline

  • #8

    Petra (Donnerstag, 04 Oktober 2018 08:16)

    Mein Vater hat bereits in den 80ern für die 35 Stunden Woche gekämpft. Danach habe ich lange im Schichtdienst gearbeitet, teilweise parallel dazu vier Kinder großgezogen und all die Erfahrungen gemacht, die hier beschrieben werden. Inzwischen arbeite ich wieder Vollzeit, weil ich das aufgrund von Trennung und Unterhaltszahlungen machen muss. Diese Zeit fehlt mir nach wie vor zuhause bei den Kindern. Inzwischen rege ich mich nicht mehr darüber auf. Ich frage mich nur noch, wer diese Regeln macht, wem sie nützen und wie realistisch die Chance einer Änderung ist. Ich bin jedoch sehr froh, dass junge Frauen diese Themen mit neuer Energie aufgreifen. Die Zeit ist hoffentlich bald reif, die konservativen Strukturen Deutschlands aufzuweichen.

  • #9

    Kim (Donnerstag, 04 Oktober 2018 08:39)

    Bin Lehrerin, das frühe starten nagt an mir, nach 10 Jahren im Job noch immer. Mein Sohn (2,5) ist stets um 6uhr wach. Kita erster um 7.30 Uhr, da muss Papa ihn bringen weil ich schon unterwegs bin zum Start auf 7.50uhr. Interessant mit dem Rahmengesetz der Länder, das nehmen wir doch mal auf!

  • #10

    Verena M (Donnerstag, 04 Oktober 2018 09:01)

    Gut geschrieben und gut recherchiert! Während meines teilweisen Beschäftigungsverbots habe ich festgestellt, dass ich innerhalb von 5h fast das geschafft habe, was ich zuvor in 8,5h geschafft habe.
    Allerdings muss ich sagen, dass ich einem späteren Arbeitsbeginn negativ gegenüber eingestellt bin. Mein Mann, mein Sohn und ich sind absolute Frühaufsteher. Vor der Arbeit kann ich ohnehin nicht entspannen, von daher wäre das vertane Zeit für mich. Da fange ich lieber zeitig an und habe nachmittags Quality Time.

  • #11

    Lia (Donnerstag, 04 Oktober 2018 09:38)

    Super Beitrag! Wie machen wir weiter?!

  • #12

    Anna Lisa (Donnerstag, 04 Oktober 2018 09:57)

    Ich richte meinen Kommentar an Saskia:

    Das ist doch im Alltag von vielen Familien nicht umsetzbar! Die kleinen Geschwister wachen zum beispiel automatisch mit auf, andere Kinder brauchen mehr Zeit zum Wachwerden und viele, viele Kinder können den Schulweg eben nicht allein zurücklegen. Ich würde mir wünschen, dass meine Kinder nicht mit mir um 5:30 aufstehen, aber es ist fast jeden Tag dasselbe und alle sind müde. Tja, ist eben so, wenn der Schulbus um 6:55 fährt. Und ja; wir brauchen diese Zeit tatsächlich, weil ich meine Kinder nicht antreiben und in den Tag hinein hetzen will. Es ist sowieso schon alles stressig genug.
    Selbst wenn alle noch weiterschlafen würden und dann innerhalb von 15 Minuten aufbruchbereit wären: es ist immer noch scheiss-früh!

  • #13

    Katja (Donnerstag, 04 Oktober 2018 10:05)

    Es ist ja mittlerweile belegt, dass vor allem Teenies von einem späteren Schulanfang profitieren. Es gibt auch Schulen, die eine sogenannte Gleitzeit anbieten. Aber ich denke, an den meisten Schulen wäre das ein sehr hoher Aufwand, den es personell und finanziell zu stemmen gilt. Außerdem müsste ja dann tatsächlich der Tag „nach hinten“ ausgedehnt werden, da es vorgegebene Wochenstunden für die einzelnen Klassenstufen gibt und dann wären die Kids noch später daheim, zumindest bei Schulen, die G8 haben...

  • #14

    Katrin (Donnerstag, 04 Oktober 2018 10:26)

    <3 <3 <3
    Am liebsten würde ich diesen Text ausdrucken und vor allen Schulen und Kindergärten verteilen. Und täglich per Post dem Bildungsministerium schicken.
    Ich kämpfe hier in Österreich mit dem Frauenvolksbegehren gerade für 30h Woche und bessere Vereinbarkeit und so. Es ist zum Haare raufen, was da in Gesprächen immer für Argumente kommen. Und politisch wurde hier gerade sogar 12 Stundentag/60h Woche beschlossen. Da dreht sich die Zeit rückwärts :-(

  • #15

    mielala (Donnerstag, 04 Oktober 2018 12:30)

    Yes!!! We can:)

  • #16

    Mat (Donnerstag, 04 Oktober 2018 12:54)

    Ich denke auch, dass die Arbeitszeit der Eltern einfach ein Knackpunkt sein wird. Möchte ich aktuell um halb 8 schon im Büro sitzen? Nein. 9:30 Uhr im Büro wäre super. Was ich aber halt noch sehr viel weniger gerne möchte: Bis 18 Uhr im Büro sitzen.

    Gerne nehme ich die 30h/Woche bei gleicher Bezahlung. Ob ich das allerdings noch vor meiner Rente erlebe?

    Was ich als Argument nicht verstehe ist: "Wir schaffen ja auch das, was wir früher nur in 40 Stunden schaffen konnten heute Dank Email, Internet und digitalen Helfern in 30 Stunden."

    Dank digitalen Helfern schaffe ich das, wofür man früher mehrere Leute dauerhaft gebraucht hätte, in einmalig ein Monat arbeiten und noch früher haben die Leute geschafft, für das man früher noch mehr Menschen gebraucht hätte. Trotzdem kann ich ja 40h sinnvoll arbeiten.

    Ich denke deshalb, dass es eher über die Produktivität gehen muss. Da gibt es ja auch entsprechende Studien dazu, dass man automatisch etwas fokussierter arbeitet, wenn man die Stundenzahl verringert.

  • #17

    NadineK (Donnerstag, 04 Oktober 2018 19:29)

    Ich kann da auch nur zustimmen und verstehe dieses sture Verhalten überhaupt nicht. Wir haben uns diese Woche gegen eine "Kann-Kind" Einschulung mit knapp sechs entschieden, da unsere große Tochter bis 7.15 Uhr schläft. Wir schaffen es dann gerade so um 8.30 Uhr aus dem Haus. Zum Glück ist in der Kita Bringzeit bis 9.00 Uhr. Mir graut vor dem Schulbeginn...

  • #18

    Maman Renard (Freitag, 05 Oktober 2018 02:08)

    Einfach nur klasse protokolliert und zusammengefasst - mit Arbeitsanweisung! �
    Perfekte "Leading structure" ...herrlich!
    Vermutlich zu gut, Du hättest das erst über eine Arbeitsgruppe erarbeiten müssen und mit 'ner Bertelsmann- Studie belegen, doch die Hoffnung stirbt zuletzt! Daran glaube ich ganz fest, in dem heutigen Irrsinn unserer "Gesellschaft"...weiter so!

  • #19

    Sabine (Samstag, 06 Oktober 2018 13:45)

    Danke für den tollen Beitrag. Ich habe zwar keine Kinder, aber er spricht mir trotzdem aus der Seele. Ich fürchte nur es wird sich nichts daran ändern so lange in Deutschland Frühaufstehen als Tugend angesehen wird und alle 'Langschläfer' (also Aufstehen nach 8:00h) grundsätzlich als faul gelten. Begegnet mir leider immer wieder.

  • #20

    Anna (Sonntag, 07 Oktober 2018 23:12)

    Meine Bank macht erst um 9 Uhr auf. Ich bin schon zig Mal wieder weggefahren, weil ich keine Lust und Zeit hatte, auf dem Parkplatz zu warten, dass die mal aufmachen. Pervers, oder? Warum bin ich so früh da? Weil meine Kinder schon laaange in ihren Institutionen "tätig" sind. Unsere Stadtbücherei macht erst um 10 Uhr auf. Das ist echt kacke, denn ich würde gerne die Zeit, die meine Kinder versorgt sind nutzen und für mein Studium lernen. Das kann ich zu Hause nicht so gut, denn da ist genug andere Arbeit, die ich dann stattdessen mache. Aber erst um 10 Uhr in der Stadtbücherei anfangen lohnt auch nicht. Wie geil wäre es, wenn wir alle ausgeschlafen anfingen, wenn auch die Geschäfte öffnen und ich gechillt in der Stadtbücherei säße und genug Zeit hätte, ehe der Abholmarathon wieder losgeht...

  • #21

    Anna (Montag, 08 Oktober 2018 17:28)

    Gott, ich liiiiiiiiiiiiebe deine Blogeinträge! Wie kann man nur den Nagel so lustig und clever auf den Kopf treffen..?!
    Chapeau und Danke!

  • #22

    Anna (Mittwoch, 10 Oktober 2018 10:41)

    Danke für den guten Beitrag. Unser Kind ist zum Glück noch nicht in der Schule. Ich hoffe es wird erträglicher als meine Schulzeit früher dadurch, dass wir nicht auf dem Dorf sondern in der Nähe der Schule wohnen.

    Ansonsten möchte ich für unser Modell werben: Weniger arbeiten, auch bei geringerer Bezahlung. Glaubt mir, das geht. Wir haben kein Haus, wohnen zentral und brauchen kein Auto. Wir verzichten auf teure Hotellurlaube. Und schwupps kann man von der Hälfte des Geldes LEBEN und das JEDEN TAG entspannt und glücklich.

  • #23

    Kathy (Sonntag, 14 Oktober 2018 08:42)

    Ich würde das ja gerne so unterschreiben, da ich selbst Lehrerin an einer Schule bin, die noch vor 8 Uhr startet. Für viele meiner Schüler - und mich selbst - rappelt deshalb der vermaledeite Wecker um halb 6. Die Kehrseite dabei: unsere Schüler in der Oberstufe sind trotzdem jetzt schon bis 17:00 in der Schule - ebenfalls inklusive mir - fangen wir um 9 an, dürfen wir also demnächst alle der Sonne morgens beim auf und im Winter abends beim Untergehen zuschauen? Auch nicht prickelnd...

  • #24

    Lea (Montag, 15 Oktober 2018 17:31)

    Bei uns fängt die Schule erst um 8:45 an. Ganztages-Grundschule mit Halbtagsoption. Das hat aber auch die Kehrseite (für meine Kinder, Halbtages-Option): Montag bis Donnerstag Unterricht von 8:45 - 12:10, Montag zwei Stunden Mittagsschule (erste bis vierte Klasse), Freitag von 8:00 bis 13:00 sowie für Klasse 2-4 Donnerstag mittag zwei Stunden Mittagsschule. Das braucht man dann auf der anderen Seite, um den späten Beginn wieder einzufangen bei gleicher Stundenzahl. Das bedeutet für die Grundschüler ab Klasse 2 zwei Mal Mittagsunterricht. Ich finde den späten Beginn gut, mit der Mittagsschule aber habe ich meine Probleme. Das hat nichts mehr mit meiner Schulzeit zu tun und dem Heimkommen-schnell-Hausaufgaben-machen-rausundspielen, sondern ist ein echt pappvoller Wochenplan (ganz zu schweigen von den vielbesuchten Kinderturnen, Fußball und Musikterminen). Ich glaube, daß der Ansatz eher sein muß, wieder von der Gesamtstundenzahl runterzukommen und den Kindern keinen Wochentakt vorzugeben, der für Erwachsene schon stressig wäre..