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Gut gemeint ist nicht gut gemacht - Karriereberatung wie sie NICHT sein sollte

Zeitungsartikel, die mich fassungslos zurücklassen ODER „Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.“ ODER #SexismusvonFrauzuFrau

 

Hier der Link zu dem Artikel "Der Zeitpunkt ist ungünstig für ein Kind" über den ich hier schreibe.

Die Autorin der SZ schreibt: „Dass Frauen im Bewerbungsgespräch auf die Frage nach der Familienplanung lügen dürfen, schafft auf Seiten der Arbeitgeber kein Vertrauen.“

Liebe Karriereberaterinnen und Journalistinnen. Ihr seid Frauen. Stellt anderen Frauen doch nicht die Beine, über die ihr selbst nicht stolpern wollt.

Es sind die Arbeitgeber und nicht die jungen Frauen, die eine vertrauensvolle Grundlage von Anfang an in die Tonne kloppen, wenn sie im Bewerbungsgespräch verbotenerweise nach der Familienplanung fragen. Nicht andersrum! Die Familienplanung geht den Arbeitgeber nichts an und solange das ein junger Mann nicht ebenso regelmäßig gefragt wird, ist das eine diskriminierende Frage, deren positive Antwort eine Frau den Job kosten kann. Egal ob sie überhaupt Kinder hat, möchte oder nicht. Das „Recht zur Lüge“ im Bewerbungsgespräch ist ein wertvolles AGG-relevantes Schutzrecht und kein Arbeitnehmervertrauensbruch. In welchem Jahrhundert leben wir?

Aber es geht noch weiter. 

Frauen sollen sich viel bewerben und auch mal was wagen. So weit. So gut. Schwangere aber sollten sich dann bitte nicht mehr bewerben, schreibt die Autorin der SZ und zitiert die Frauen-Karriereberaterin, die vermutlich mit dem Fluxkompensator von Marty McFly aus den 1950er Jahren zurück in die Zukunft zu uns gereist ist. Einarbeitungszeit und Routine müsse schon sein, schreibt sie. Im Interesse beider Seiten. Nun, das ist ganz schön viel Wasser auf den Mühlen derjenigen, die nach dem Die-sieht-nach-Kinderwunsch-aus-Prinzip die Bewerberstapel vorsortieren und dafür selbstgerecht Rechtfertigungen suchen. Was für ein Eigentor für alle Frauen, die verdächtig schwanger aussehen.

Ich mach jetzt auch mal Frauen-Karriereberatung (pro bono): Selbstverständlich können und sollten sich Frauen bewerben bis sich „der Fötus im Ultraschall räkelt“. Einerseits weiß niemand wie eine Schwangerschaft weitergeht und ob sie hält. Anderseits weiß jede Mutter, dass Pläne sich schnell ändern können und man plötzlich doch viel früher weiterarbeiten möchte und kann, als man vorher dachte. Keinesfalls sollten Frauen also mit einem Räkel-Fötus im Bauch lieber arbeitslos bleiben oder schwangerschaftsbedingt auf einen Karriereschritt verzichten und auf die eigene Rente pfeifen. Warum sollten sie auch?
Schwangere arbeiten ganz normal. Sie haben sogar ein Gehirn mehr! Wie ungemein praktisch! Mütter brauchen nach der Geburt meist auch noch einen Arbeitsplatz. Wir wollen nie mehr bei „die hat doch einen Mann“ ankommen und auch die Zustimmung unseres Ehegatten brauchen wir für eine Berufstätigkeit nicht. 

Dieser merkwürdige Rat und seine Begründung geben genau dem Affen Zucker, den wir längst auf Diät setzen wollten: Frauen sind generell verdächtig. Und unzuverlässig. Sie werden vielleicht schwanger oder sind es schon und geben es nicht zu. 
Dabei sind Einarbeitungszeit und Stabilität weder wirklich entscheidend, dazu bei weitem nicht die einzigen Kriterien bei der Bewerberauswahl. Das greift zu kurz und ist nicht mehr zeitgemäß und eindimensional. Dazu kommt nämlich auch Erfahrung, Kompetenz, Einsatz, Freude am Arbeiten, Bock auf neue Herausforderungen, motivierte Mitarbeiter, Mitdenken. Offenheit. Problembewusstsein. Familienfreundlichkeit, Flexibilität und die Förderung der Kunden von morgen. Eine Menge mehr als „Einarbeitungszeit“.

Wollt ihr noch einen? Na gut:

"Mütter mit Karriereabsichten sollten möglichst schnell wieder zurückkehren, damit sie nicht unter ihrem Qualifikationsniveau wieder einsteigen müssen" wird die Karriereberaterin Lindner zitiert. Weniger Gehalt riskierten sie angeblich auch noch.

DAS ist schon fast fahrlässig gefährlich.

Als Spontan-Neu-Karriereberaterin gebe ich mal ungefragt meinen Senf dazu: „Eine Mutter oder einen Vater nach oder in der Elternzeit auf ein niedrigeres Niveau zu setzen ist rechtlich krachend unzulässig und das schon seit vielen vielen Jahren. Das ist übrigens bei längeren Krankheiten genauso. Also allem was eben individuell zum Leben gehört. Wer also zurückkehrt und mit einem niedrigeren „Qualifikationsniveau“ beschäftigt wird, sollte dem Arbeitgeber vielmehr mitteilen, dass dieses Handeln rechtswidrig ist und auf einen gleichwertigen Arbeitsplatz bestehen. Es besteht ein vertraglicher Anspruch darauf! Sowohl hinsichtlich des Gehalts, als auch hinsichtlich der vertragsgemäßen Tätigkeit. Das ist ganz gefestigte arbeitsrechtliche Rechtssprechung. Sollte der Arbeitgeber sich stur stellen (vielleicht wegen derartiger Zeitungsartikel) sollten die Mütter und Väter sich unbedingt wehren. Eine Rechtsschutzversicherung ist übrigens gut investiertes Geld.“

Was ist das für ein furchtbares Frauenbild und aus welchem Jahrhundert kommt diese Frauen-Karriereberaterin ? 

Sie hat noch einen guten Trick parat, wie das bestehende System noch möglichst lange so frauen- und familienunfreundlich bleiben kann. Der Tipp lautet Geschlechtsverkehr mit älteren Männern! Yay! Jetzt haben die sogar bei der Partnerwahl noch die Nase vorn. Potzblitz!

„Eine kluge Paar-Strategie könnte daher sein, die Schwangerschaft an der Laufbahn des Mannes auszurichten.“ schreibt die Autorin der SZ eingangs und meint das gar nicht ironisch. Sie schließt ihren daher etwas irritierenden Ratgeber fulminant mit: „Ein guter Zeitpunkt für die Geburt des ersten Kindes wäre demnach nicht ein bestimmtes Alter der Mutter, sondern dann, wenn der Vater etwa 40 Jahre alt ist.“ 

Achtung! Alle (jungen?) Frauen ändern ihre Tinder-Suchkriterien bitte auf „heterosexuell, Ü-38, Arbeitnehmer in Führungsposition mit dringendem Kinderwunsch“. Die Karrieren der künftigen Väter bleiben somit weiterhin schön sicher. Dass ein weiblicher Berufsweg ab 25 generalverdächtig, unsicher und quasi im Eimer ist bis „Menopause“ auf die Stirn tätowiert ist, darf wohl offenbar so bleiben. Anders kann man solche unkritischen Ratschläge kaum auslegen. Als 28-jähriger Mann mit Kinderwunsch und mit Freundin wäre ich solidarisch ebenfalls ganz schön irritiert. Jetzt will die Frau noch 12 Jahre warten, or what? Und dann stillt sie trotzdem panisch unterm Schreibtisch, damit sie nicht zu den langweiligen Schnarchtätigkeiten verbannt wird, weil man sie nach der Elternzeit für weniger qualifiziert halten darf als vor dem Baby? Ein zweites Kind scheitert bei diesem Modell übrigens dann am Eizellen-und Spermaalter, zudem am Libidoverlust und am ohne Vorwarnung ins Elternbett kriechenden Erstgeborenen. Na klasse, Arbeitsmarktpolitik 2017! Übrigens hat 1950 angerufen und will seine Einstellungen zurück.

Der Artikel war sicherlich gut gemeint und stellt Statistiken auch gut dar, leider biegt er aber an den entscheidenden Stellen so krachend falsch ab, dass ich ihn weder rechtlich noch politisch so stehen lassen möchte. Hier wird Zeile für Zeile unkritisch eine diskriminierende Arbeitsmarktpolitik zementiert, ohne einen kleinen Blick über den Tellerrand zu werfen oder diskriminierende Strukturen selbstbewusst aufzubrechen. Dann brauchen wir uns über den Gender Pay Gap gar nicht erst zu streiten.

Liebe SZ, gerade von Euch habe ich 2017 einen anderen Journalismus erwartet! Das kennt man von Euch doch auch anders? Wir waren auf einem guten Weg. Hier handelt es sich nicht um sperrige Meinungen, die man aushalten muss. Hier sind Schlussfolgerungen und Ratschläge einfach nicht mehr zeitgemäß und stützen ein System, das Eltern benachteiligt.

Solange Frauen andere Frauen so systemhörig beraten und Journalistinnen noch immer unkritisch solche Wertungen der geltenden Rechtslage in die Tastatur hauen, müssen wir uns auch alle an die eigene Nase fassen, Mädels...

 

Worte haben Macht.

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