Mittwoch, 23. November 2016

Es ist mal wieder Vatertag in Berlin...

HURRA! Sigmar Gabriel ist schwanger! 

Es war sicher sehr schwer für ihn, diese Neuigkeit so kurz vor einem wichtigen Bewerbungsgespräch offenzulegen. 

Er bewirbt sich ja momentan als Kanzlerkandidat und sein Konkurrent ist nicht schwanger und steht auch nicht im Verdacht, etwas derartiges zu tun oder tun zu wollen.

Imageschäden und berufliche Nachteile gehen ja bei sowas schnell. Kennt man ja, nicht wahr? Er hat also bewusst Karrierenachteile in Kauf genommen, als er damit heuer an die Öffentlichkeit ging und das so kurz vor dem Wahljahr 2017.

Die Medien überschlagen sich mit Fragen:
Wie belastbar wird so ein junger Vater sein? 
Wie soll er sein Amt verantwortungsvoll ausfüllen, jetzt wo er schwanger ist und danach? 
Hat der gute Mann sich überlegt, wie er das mit der Kinderbetreuung regelt? Wo sind nur all diese Kinder wenn er arbeitet? Hat er sich um einen Platz in der Bundestags-KiTa gekümmert? Kein KiTaplatz: Kein Job. Kein Job: Kein KiTaPlatz. All das wird ihn die SPD sehr genau fragen müssen.
Wäre ein befristeter Kanzlerkandidaten-Vertrag denn eine faire Alternative, um zu sehen, wie der junge Vater seinen Beruf und zwei kleine Kinder vereinbaren kann, bevor die SPD ihn aufstellt? Außerdem sind zwei kleine Kinder doch quasi immer krank, der kommt doch am Ende gar nicht mehr ins Büro? Verweiste Flure!
Und pünktlich weg muss er auch noch. 
Vielleicht sollte sich die SPD nach einer Mutter umsehen. Die ist da einfach verlässlicher. Das ist auch keine Benachteiligung und da muss man auch nicht realitatsfern werden, sondern es einfach als das sehen, was es nunmal
ist: Die logische Folge der Entscheidung für eine Vaterschaft in so einer wichtigen Phase für ein Unternehmen. 

ALL DAS HAT DER SIGMAR RISKIERT!

Ja, Leute. Sich dem auszusetzen nennt man "Offensive Vaterschaft". Die Medien waren beeindruckt, wie wenig das alles "seinem Image" schadet, bei so viel Gegenwind. 

Oder war da etwa gar keiner? 

Ich muss da mal genauer hinschauen, was an der neuen Nachricht von Sigmars Vaterschaft denn ein imageschädigendes Potential haben könnte. 
Schließlich sind alle so stolz auf den Sigmar.

Hat er vielleicht angekündigt als Eltern-Teilzeitkanzler zu kandidieren oder stillfreundliche Plenardebatten einzuführen, damit er dem neuen Baby die Flasche geben kann? OH! ICH WEISS 🙋🏼: Er fordert bestimmt für die nächste Legislaturperiode, dass die Debatten vor 15 Uhr beendet sein müssen, damit er rechtzeitiger zur KiTa kann. Und einen extrabreiten Kanzler-Kind-Parkplatz vor dem Kanzleramt. Seine Frau ist berufstätig, die braucht bei zwei Kindern seine väterliche Unterstützung, wenn sie ihre Zahnarztpraxis nicht schleifen lassen will. Uiiiii, vielleicht gibt es bald auch Kinderwagenparkplätze im Bundestag und ein Bällebad! YAY!

Ich bin schon ganz aufgeregt. 

Schauen wir doch mal, was es damit auf sich hat, dass Sigmar Gabriel nun schon das DRITTE MAL in zwei Jahren als Politiker gilt, der "offensiv mit seiner Vaterschaft umgeht" und dies seinem Image "zumindest nicht schadet".

Offensive Vaterschaft, 1. AKT:
04.01.2014. Sigmar ließ medienwirksam verlautbaren, das die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch Vatersache sein muss und geht mit großen Schritten voran. Er beschliesst, seine Tochter einmal die Woche, nämlich Mittwochs, von der KiTa abzuholen. 
Applaus!
Obwohl abertausende Väter fassungslos auf diese Doppelbelastung starrten und unter diesem Erwartungsdruck zu Ersticken drohten, ist für den mutigen Gabriel kein Imageschaden entstanden. Sehr ihr? Have no fear! Aber das war trotz allem wirklich sehr "offensiv", fanden die Medien. Der Begriff "offensive Vaterschaft wegen drohendem Imageschaden" ward geboren.

Offensive Vaterschaft, 2. AKT:
08.02.2016. Das Label "offensive Vaterschaft" wird von SPIEGEL ONLINE erneut hervorgekramt. Mit Spannung erwarten wir, mit welchem guten Beispiel der gleichberechtigten Elternschaft der Sigmar nun ein Zeichen setzte und offensiv Nachteile im Job riskierte:

Er passte drei Tage lang auf seine scharlachkranke Tochter auf. 

Was soll DA noch kommen, fragen wir uns? 

Offensive Vaterschaft, 3. AKT:
22.11.2016. Absolut wortgleich kopierte Spiegel Online den gesamten Absatz des alten Artikels von Februar 2016 in seinen neuen Artikel. Und als wäre das nicht schon genug Aufwand, verleihen sie den "Offensiven Vater" nun sogar ein drittes Mal. 
Nach den vorangegangen Beispielen sind wir alle schon ganz hibbelig, was nun die bekannten Rollenbilder so erschüttert könnte und stoßen auf ein absolutes Novum in der Geschichte der Elternrechte:

Die Bekanntgabe der Schwangerschaft der Frau beim Arbeitgeber, verbunden mit der Versicherung auf keinen Fall in Elternzeit oder Teilzeit zu gehen. Keine "Babypause", weil das "leider nicht geht". 

Wow. DAS ist halt schon echt offensiv. 
Ob das unsere Gesellschaft aushält? Sind wir etwa schon so weit, dass Väter es sich beruflich leisten können, nicht aus dem Beruf auszusteigen, wenn ein Kind kommt? Ich weiß es nicht, meine Lieben, aber Dank Sigmars mutigem Husarenritt werden wir es erfahren. 

Hier ein Zitat: (http://bit.ly/2fQB9OU)

"Die Geburt seines dritten Kindes würde in die Frühphase des Bundestagswahlkampfes fallen. Auswirkungen auf eine mögliche Kanzlerkandidatur soll die familiäre Veränderung Gabriel zufolge aber nicht haben: "Wir haben uns vor der Entscheidung, ein weiteres Kind zu bekommen, alles gut überlegt". Gabriel plant dem Bericht zufolge keine Babypause ein: "Das geht im Wahlkampf leider nicht", sagte er. (...) Es ist nicht das erste Mal, dass Gabriel offensiv mit seiner Vaterschaft umgeht - was seinem Image zumindest nicht schaden dürfte."

Ich kotze.

Ich freue mich darüber, dass Sigmar Gabriel ein drittes Kind bekommt, wobei man wissen muss, dass das erste Kind bereits erwachsen ist.
Ich finde es auch vollkommen nachvollziehbar, keine "Babypause" zu machen wenn man Bundeskanzler werden will. Es ist zudem vollkommen nachvollziehbar, trotzdem ein drittes Kind zu kriegen.

Wenn das allerdings "offensiver Umgang mit der Vaterschaft" ist, dann möchte ich es dringend auch so verstanden wissen, wie es nämlich ist: 

Imageschäden muss nur der Typ Vater nicht fürchten, der offensiv berufstätig ist. Denn nur das "schadet ihm nicht". Und das ist für Väter und Mütter auch 2016 noch an den Tagesordnung.

Das scheint der Sigmar auch begriffen zu haben. 
Und das tut mir sehr Leid. Für beide Gabriels.


Donnerstag, 10. November 2016

Wir sind jetzt zusammen



Wie immer wenn Beziehungen sich gut entwickeln, macht man sie irgendwann offiziell. Alle sollen es wissen:
Die BRIGITTE MOM und ich sind jetzt fest zusammen und wir wollen uns nicht mehr trennen. 

Zumindest wenn es nach mir geht.

Wir lernten uns vor fünf Jahren kennen als mein erster Sohn noch ein Baby war. 
Die MOM war neu in der Stadt und hing meistens am Zeitschriftenregal im Supermarkt ab. Hin- und wieder traf ich sie an der Tankstelle und denselben Friseur hatten wir offenbar auch noch. Die Leute redeten über sie.
Sie hatte was zu sagen.
Sie sah gut aus. 
Sie war genau mein Typ.
Ich griff zu! 

Wir hatten so viel gemeinsam, die MOM und ich. Wir konnten lachen, weinen, nachdenken, gemeinsam shoppen und auch gemeinsam schweigen bei einer Tasse Kaffee. 
Ok. Es war Rotwein. Aber wessen Beziehungsbeginn lief bitte komplett alkoholfrei ab? 
Wir trafen uns regelmäßig und nun ist es soweit:
Ich bin die Neue!

Ich schreibe ab jetzt in jeder Ausgabe meine eigene Kolumne für die Leser*innen der BRIGITTE MOM über Recht und Gesetz und all das Chaos, dass es manchmal anrichtet und gleichzeitig beseitigen kann. 

Über Recht und Gesellschaft und Familie zu schreiben macht mir ohnehin am meisten Spaß, deswegen kommt auch Anfang 2017 ein ganzes Buch von mir heraus bei BASTEI LÜBBE. Es ist bereits fertig und wartet genauso gespannt auf den Druck, wie ich als Autorin auf den Moment, an dem es bei mir auf dem Schreibtisch liegt.

Ich freue mich über Themen die Euch bewegen und umtreiben. Falls ihr Euch überraschen lassen wollt, habe ich 1000 Ideen im Kopf und bewerfe Euch ungefragt und regelmäßig mit Paragraphenreiterei in Farbe und mit ganz viel Leben.

I LOVE IT! HURRA!






Mittwoch, 13. April 2016

Spielt mit mir "Wer bin ich ?" - Facebook und die Klarnamen.

Ich wurde ausgeschlossen. Aus einer Gruppe. Vor fünf Tagen. Das letzte Mal ist mir das vor 20 Jahren passiert. Da wollte mich eine Gruppe von blöden Pferdemädchen nicht auf einen Ausritt mitnehmen. Sie haben mir erzählt, alle Ponys wären schon besetzt. Ich saß weinend in der stinkenden Pferdebox und zählte Pferdeäpfel. Meine Reiterhofkarriere war beendet bevor sie anfing.




Diesmal hat mich Facebook aus seiner Mitte katapultiert. 
Erbarmungslos wurde mein privater Account gelöscht und ich dazu aufgefordert, meinen Ausweis mit Lichtbild zur Überprüfung bei Facebook einzureichen, sollte ich weiterhin ein Teil des größten sozialen Netzwerkes der Welt sein wollen. Ich wurde kurzerhand aus einer Weltgemeinschaft entfernt! Wie gemein! Ich hatte offenbar gegen die "Klarnamenpflicht" verstoßen, weil ich in meinem privaten Profil unter einem Spitznamen auftrat und damit Facebook in seinen "Gemeinschaftstandards" tief verletzt habe. So tief, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. 

Ich fühlte mich fünf Tage lang wie Nordkorea, nur dass ich nicht mit atomarer Aufrüstung sondern mit automatischer Entrüstung und stillem Protest reagierte. Beleidigt und stur schickte ich meinen Ausweis natürlich nicht hin. Ich wollte mich nicht täuschen lassen, von dem falsch-freundlichen Hinweis: "Ni! Deine Freunde wollen wissen wer Du wirklich bist. Nenne uns Deinen echten Namen, dann schalten wir Dein Konto wieder frei."
Mann ey, meine Freunde wissen doch, dass ich das bin! Selbst wenn ich mich auf Facebook Xena, Göttin des Feuers  nennen würde. Vermutlich gerade dann.

Vor einigen Monaten habe ich bereits über den Datenschutz und seine Tücken geschrieben. Darüber, wie gläsern wir alle werden und warum der Satz "Ich habe ja nichts zu verbergen" leider zu kurz greift. Aus diesem Grund biss ich mir jetzt natürlich die Fingernägel kurz. Ich haderte tagelang mit mir selbst und Facebook lies mich am langen Arm verhungern. Facebook vermisste mich überhaupt nicht. Wer mich suchte, mich verlinken oder kontaktieren wollte, fand nur noch einen gelb unterlegten Hinweis "Der Nutzer wird derzeit überprüft". Alarmiert riefen nach zwei Tagen vereinzelt Freunde bei mir an, ob ich vielleicht tot, im Knast oder im besten Falle komisch geworden sei, aber egal wie oft ich versuchte, mich wieder einzuloggen: Es blieb beim gelöschten Account. 

Wäre meine Juramama-Facebookseite nicht zwingend mit meinem persönlichen Profil verlinkt und mir der Zugriff darauf nicht ebenfalls verwehrt geblieben, hätte ich vielleicht einfach wieder weinend Pferdeäpfel gezählt und wäre ein beleidigter Facebookausgestoßener geblieben. 

Aber ich knickte ein. 
Heute morgen.
Vor mich hin schimpfend wie das Faktu-Akut-Männchen aus der Hämorrhoidenwerbung, fotografierte ich meine Krankenkassenkarte mit dem abscheulichen Lichtbild und schickte sie an Facebook. Die Datenkrake hat mich besiegt und ich liege geschlagen auf dem Rücken. Getragen von der Hoffung, dass die biometrischen Daten meines verzerrten Fotos nicht nutzbar sein werden. Ich hoffe, dass ich jetzt nicht in fünf Jahren von Facebook über jede Überwachungskamera automatisch gesichtserkannt werde, wenn ich heimlich Sexspielzeug kaufen will und danach noch in den Baumarkt gehe. Nicht auszudenken, was das mit den Werbebannern auf meinem PC und den Vorschlägen für "Dinge, die mich interessieren könnten" Newsfeeds anstellen könnte.

Wenige Stunden später war mein privates Profil dann tatsächlich wieder da. Wortlos. Kein "Ach Nina, altes Haus. Du bist das! Wie schön, dass Du wieder da bist." oder etwas ähnlich angemessenes.
Wie eine zurückgenommene Ex-Freundin bin ich aber noch immer etwas schmallippig. Ich wollte zwar zurück zu ihm, aber jetzt wo es so weit ist, werde ich mal ein bißchen an den Hausregeln feilen. Ich will wissen, ob Facebook es nun wirklich ernst meint mit mir oder vielleicht nur mein Geld will? Oder meine Jungfräulichkeit? Beides ist nicht vorhanden, warum also diese Klarnamenpflicht? 

Was wissen die über mich und was dürfen sie wissen? 

Ich habe während meiner Wut-Recherchen in den fünf facebookfreien Tagen erfahren, dass Facebook mich durch das ganze Netz verfolgt, wenn ich den "Auf-Facebook-angemeldet-bleiben"-Haken setze oder den Privat-Surfen-Modus meines Browers nicht verwende. Facebook sammelt nicht nur Informationen aus Inhalten, die wir selbst bei Facebook teilen.  Auch aus Seiten, die uns gefallen oder aus Artikeln und Videos, die wir anklicken und sogar aus externen Webseiten, die wir besuchen, wenn wir so durchs fröhlich Netz klickern. Wir werden also von Marc Zuckerberg beschattet. Besuchen wir die Webseite eines Fahrradgeschäftes, speichert Facebook beispielsweise "Radfahren". Haben wir eine Fitness-App auf dem Handy, speichert Facebook "Fitness" oder vielleicht "Diät".

Durch all diese zusammengetragenen Informationen werden wir zu einer definierten Zielperson, die in eine bestimmte Zielgruppe gehört. Diese Zielgruppen möchten Unternehmen gezielt erreichen, deswegen bezahlen sie Facebook dafür, dass sie an diesen Informationen teilhaben dürfen und uns Werbung für ihre Produkte oder Dienstleistungen anbieten können. In unseren Kontoeinstellungen können wir ausstellen, dass uns diese auf uns zugeschnittene Werbung angezeigt wird. Das heißt aber nicht, dass dann auch keine Informationen mehr über uns getrackt und gespeichert werden. Es gibt also kein Entrinnen. Übrigens ist es juristisch wirkungslos auf der eigenen Pinnwand einen Widerspruch oder ähnliches gegen die Facebook AGB zu posten, da diese Widerspuchserklärung mangels Zugang bei Facebook nicht wirksam werden kann.

Die klassische philosophische Frage "Wer bin ich?" oder das älteste Rätsel für Generationen von Männern "Was will die Frau eigentlich?" kann Facebook echt beantworten? 
Im eigenen Profil unter "Einstellungen" kann jeder die über die eigene Person gesammelten Informationen mal anschauen. Ich tat es. Ich war sehr gespannt, was ich so für eine Type bin. 

Tja, was soll ich sagen, ich bin einigermaßen bestürzt.
Ich möchte eigentlich nichts mehr mit mir zu tun haben, wenn das alles stimmt.
Die Pferdemädchen damals hatten absolut Recht, mit mir stimmt was nicht.

Ich firmiere in der Kategorie "Lifestyle und Kultur" beispielsweise unter folgenden Begriffen:
Weihnachten, Weiblichkeit, Ritter, Subkultur, Föderalismus, Meinungsführerschaft und Langeweile. Langeweile! Unter "Lifestyle"? Ich grab mich ein.

Unter "Hobbies" gibt es über mich zu wissen, dass ich gerne kreuzfahre, stricke, Hunde mag und Gartenarbeit. What? Ich beginne sofort systematisch über jede Reling zu kotzen, sobald ich ein Boot betrete. Stricken macht mich aggressiv, Hunde ignorieren seit jeher meine Autorität und ich hab es geschafft, dass der 50 Jahre alte Efeu in unserem Garten komplett eingegangen ist. Efeu ist eine Friedhofspflanze, die überlebt quasi überall. Nur nicht mit meiner Fürsorge.

Die Ausnahme in diesem offenbar schlechtesten Profiler-Programm aller Zeiten bildet die Kategorie "Essen und Trinken". Sie ist sowohl in Reihenfolge als auch Inhalt erstaunlich präzise: Bier. Wein. Schokolade. Kaffee. Hamburger. Gourmet. Wiener Schnitzel und Mett. Offenbar esse ich auch Lamas und Goldfische.

All diese Dinge gibt es über mich zu wissen. Nun auch unter meinem richtigen Namen. Und 80% sind falsch, es bringt also niemandem etwas. Ich finde das doof.

Ist die Klarnamenverpflichtung in Deutschland überhaupt erlaubt?

In den USA, da wo Facebook wohnt, sind bekanntlich Dinge erlaubt, die hier nicht erlaubt sind (mit Schußwaffen spazieren gehen). Es sind dort aber auch Dinge nicht erlaubt, die hier erlaubt sind (Brüste öffentlich zeigen). Die Klarnamenverpflichtung hat aber nicht nur bei uns sondern auch in den USA für heftige Debatten gesorgt. Deutsche Juristen sind überwiegend der Ansicht, dass die Klarnamenverpflichtung von Facebook gegen deutsches Recht verstößt. Bei uns gilt nämlich das Telemediengesetz, das recht klar aber auch pauschal in § 13 TMG sagt:

„Der Diensteanbieter hat die Nutzung von Telemedien und ihre Bezahlung anonym oder unter Pseudonym zu ermöglichen, soweit dies technisch möglich und zumutbar ist. Der Nutzer ist über diese Möglichkeit zu informieren.“

Privatpersonen wie uns nützt das TMG aber nicht viel, wir können daraus keine direkten Recht ableiten. Speziell berufene Personengruppen, wie Datenschutzbeauftragte, dürfen aber aufgrund des TMG zur Tat schreiten und Streit anfangen. Die Schleswig-Holsteiner Datenschützer und jüngst auch der Datenschutzbeauftragte der Stadt Hamburg, Johannes Caspar, haben gehandelt und sind gegen die Klarnamenverpflichtung vorgegangen. Da Facebook eine deutsche Niederlassung hat, die Facebook Germany GmbH in Hamburg nämlich, ist der oberste Datenschützer der Hansestadt hierfür zuständig und auch befugt.  Er hat also 2015 seinen Datenschützerdrucker angeworfen und Facebook eine Verwaltungsanordnung geschickt. Unter Androhung von Bußgeldern von bis zu 50.000 € forderte er "Facebook Deutschland" auf, die Klarnamenforderung zurückzunehmen und betroffene Profile wieder unter den von den Nutzern gewünschten Namen freizugeben. Das Milliardenunternehmen Facebook zählte vermutlich erstmal kurz in der Kaffeekasse nach, ob da vielleicht noch 50.000 € in Münzen rumkullern, entschied sich aber trotzdem, der Anordnung nicht zu folgen und einen Eilantrag zu stellen. Das geht und Facebook bekam auch Recht.

Das Hamburger Verwaltungsgericht hat Facebook den Rücken gestärkt (Beschl. v. 03.03.2016, Az. 15 E 4482/15.) Das deutsche Telemediengesetz erlaubt zwar eine anonyme Nutzung, jedoch sei das deutsche Recht in diesem Fall nicht anwendbar, sondern das irische Recht.

Das europäische Datenschutzrecht und auch das Bundesdatenschutzgesetz sehen vor, dass in Fällen der "Datenverarbeitung" das Recht des Landes anzuwenden ist, in dem die Datenverarbeitung stattfindet, also dort wo die Server stehen. Die EU-Datenschutzrichtlinie nennt das das "Sitzlandprinzip". Die Hamburger Niederlassung kümmert sich, so das Gericht, hauptsächlich um das Marketing, die Datenverarbeitung selbst finde aber in Irland statt, da Facebook seine europäischen Server dort und nicht in Deutschland aufgebaut hat. Aus steuerlichen Gründen.

Schon das OLG Schlewig 2013 und im März 2016 auch das Hamburger VG haben also entschieden, dass quasi die Iren für die Sache zuständig seien. Die Iren werden aber natürlich einen Teufel tun und sich für deutsche Standards stark machen und damit ein solches Unternehmen wie Facebook verprellen. Hier offenbart sich leider die große Tücke des Europarechts. Leider machen die Gerichte hiervon viel zu oft Gebrauch und drücken sich um mutige Entscheidungen. Das Ergebnis ist dann leider oft: Stillstand. Außer Caspar ist nochmal ein wackerer Krieger und legt Beschwerde beim Hamburger Oberverwaltungsgericht ein, die Chancen stehen nicht schlecht.

Die Entscheidung des VG Hamburg über die Klarnamen steht nämlich nicht unbedingt im Einklang mit der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes. 

Der hatte im Fall von Suchmaschinen im Jahr 2014 entschieden, dass sehr wohl das jeweilige nationale Recht anwendbar sein könne, selbst wenn die Server in einem anderen EU Land stünden. In Bezug auf Datenschutzrechte und das "Recht auf Vergessenwerden" hatte ein Spanier Google-Spain verklagt, weil ein Eintrag über ihn aus dem Jahre 1998 zwar inhaltlich korrekt, aber veraltet war. Der EuGH überaschte damals sogar die Datenschützer, als es sich im Fall "Google" vom "Sitzlandprinzip" (und damit Irland) verabschiedete und auf das "Marktortprinzip" (Spanien) verwies, mit der Folge, dass sich Google an die Datenschutzrechte des jeweiligen europäischen Landes halten muss, in dem es eine Niederlassung hat. Das Urteil des EuGH hatte zur Folge, dass Internetnutzer nun Anträge auf Löschung von Einträgen bei Google stellen können. Über 1,2 Millionen Links wurden seit dem Urteil bereits gelöscht.


Nicht mehr Ni Espunkt?
Nun, uns nützt das momentan nicht viel. Ich heiße jetzt wie ich wirklich heiße und Facebook behauptet zahlenden Werbetreibenden gegenüber, ich würde Goldfische essen und dabei stricken und auf meinen englischen Rasen blicken.

Ob ich für Facebook bezahlen würde, damit ich es nutzen darf und dafür auf Tracking verzichten würde? Ja, ich glaube, das würde ich vielleicht sogar tun. Kostenpflichtige Plattformen wie Xing gibt der Erfolg Recht. Ob wir mit der Klarnamenpflicht Terroristen aufspüren oder Hetzer leichter dingfest machen können? Kann sein, aber solange blanke Busen stillender Mütter auf Facebook gesperrt werden und rechtradikale Hetze unter Meinungsäußerung fallen, mag ich das Argument nicht so recht gelten lassen.
 

Daxaio Productions/Shutterstock
Ich grill mir jetzt erstmal ganz in Ruhe ein Lama und dann versuche ich vor lauter Langeweile die Weltherrschaft an mich zu reißen.

Ich freue mich übrigens über Eure Ergebnisse von "Wer bin ich". Wessen Lifestyle ebenfalls von so spannenden Themen wie "Langeweile" oder "Föderalismus" geprägt ist, möge sich bitte auf meiner Terrasse einfinden. Es gibt Bier.

Prost,
JURAMAMA


Hier eine Linkleiste, wer jetzt sein Facebookprofil mal überarbeiten möchte:
-Wer bin ich? Hier überprüft ihr, wer ihr seid.


Freitag, 6. November 2015

Vom Sterben. Eine Anklage.

Gribanessa/Shutterstock.com
Luise schaut mir tief in die Augen und sieht aus wie ein angeschossenes Reh. Sie sucht verzweifelt Zuflucht in meinem Blick, sucht nach Antworten und Erklärungen. Warum hat sie sich das Ende so anders vorgestellt ? Sie möchte stark sein. Sie kämpft gegen ihren Körper ohne zu wissen, wann sie endlich den langen Kampf beenden darf und sie erlöst wird. 
Ich reiche ihr demütig Wasser an. Sie nippt. Sie ist blass, bewegt sich kaum noch und verwirft jeden gutgemeinten Vorschlag. Sie hat die Kontrolle verloren, ist hilflos und geschlagen. „Es ist bald vorbei, Luise. Bald hast Du es geschafft, bald ist es endlich gut.“ flüstere ich ihr zu und habe keine Ahnung, ob mir notlügen in so einer Situation überhaupt erlaubt ist. 

Montag, 3. August 2015

Mein Tagebuch, Polka und der Landesverrat


In den 90ern des vergangenen Jahrhunderts war ich jahrelang so um die vierzehn Jahre alt. 
Wie nahezu alle meinen pubertierenden Geschlechtsgenossinnen, schrieb ich passioniert Tagebuch.


Bewegendes im DIN-A6 Format. Oft mit verwackelten Fotos aus der letzten 36er Filmrolle und den Duckface-Selfies der ersten Stunde illustriert. Das wahre #nofilter und #picoftheday.

Auch Gedichte über die Liebe oder den Geschmack von Wolken finden sich darin. Liedtexte über Freundschaft, Atomkraft und den Weltfrieden, wie beispielsweise mein Song "Kein Geld für Öl" mit drei Akkorden zur Gitarre aus dem April 1993. 
Mehr als drei Akkorde kann ich noch immer nicht, dafür aber auf drei verschiedenen Instrumenten. Ich vermute übrigens, dass ich mich eigentlich gegen "Krieg für Öl" aussprechen wollte, aber "Geld für Öl" hatte ich damals auch nicht, daher zählt das als Protest.

Dienstag, 21. Juli 2015

Das Betreuungsgeld ist vom Beckenrand gesprungen. Das darf es nicht.

HAAALLOO! HAAAAALLOOOOO! Sie da! Hallo?! Ich muss kurz was loswerden. Was Juristisches. 
NEIN, bitte keine plötzliche Narkolepsie, ich mach' es kurz. 
Sie kennen mich und glauben mir nicht? ok. Ich verspreche es zu versuchen. Ich fang' schon an! Jetzt! 

Es war einmal das Betreuungsgeld... 

Bitte winken Sie nicht ab, ich glaube es ist wichtig. Es kommt auch mit keinem Wort "Griechenland" vor. Versprochen! Und auch keine Streichelmerkel, dafür aber Sex.
HA, ich wusste, dass ich Sie kriege.

Das BVerfG hat das Betreuungsgeld gekippt. Steht überall. Stimmt auch. Aber nicht, weil es das Betreuungsgeld gefühlsmäßig "falsch" fand. Das BVerfG ist ein sehr unemotionaler Klotz. Ob etwas Spaß macht oder Anreize für etwas setzt, ist ihm meistens egal. Es schaut sich an, ob man etwas darf oder nicht darf und sagt dann manchmal sogar noch, ob man es besser nicht dürfen oder besser dürfen sollte. 

Das BVerfG ist quasi ein Bademeister.


Mittwoch, 3. Juni 2015

Kleine Brüste sollten auf dem Rücken liegen - Ich rette Deutschland!

Wir haben schon wieder gewonnen!
Nicht nur das spaßige Bullshit-Bingo zum nervenzerfetzenden KiTa-Streik war ein wahres Feuerwerk der Guten-Laune, jetzt haben wir alle sogar einen waschechten 
✰1. PLATZ ✰
errungen!
Studiostoks/Shutterstock.com

TRÖÖÖÖÖT!

Wir haben Japan geschlagen.
Wir haben Monaco besiegt.
Italien war knapp, aber hey:
Wir sind Spitzenreiter. 

Herzlichen Glückwunsch an uns alle:


Wahnsinn! Ich bin mindestens so stolz auf mein Land, wie einst 1999 als ich aus dem London-Urlaub zurückkam und "Maschendrahtzaun" auf Platz Eins der Radio Charts in Endlosschleife lief. Allemagne Zero Points. Klasse!

Ich fasse die gar nicht so neue Nachricht der letzten Woche kurz zusammen, damit wir gemeinsam lachen und feiern können:
In 15 Jahren arbeiten nur noch knapp 50% der deutschen Bevölkerung. Der Rest rentet.
Ein drollig-kleiner Teil ist unter 20 Jahre alt, unbedeutend für die Sozialkassen und stirbt sich bis 2060 dann wohl eh' von selbst aus.


Während alle noch scheinheilig herumrätseln, was die Politik da wohl versaubeutelt haben könnte, obwohl seit zwei Jahrzehnten schon tausende Familien und Alleinerziehende laut nach Entlastung und Unterstützung schreien, habe ICH für Euch die aktuelle Mai-Ausgabe der ebenso famosen wie sinnlosen Zeitschrift "SHAPE" gelesen.
Ich kann Euch nach meiner Lektüre des Artikels "Heißer aussehen beim Sex!" der Autorin Christy Forer unter der Rubrik "Psychologie" (Seite 109 - 111) nun nicht nur die Erklärung für den Geburtenrückgang, sondern auch noch die Lösung für einen neuen, deutschen Baby-Boom präsentieren.

Noch nie war ich dem Nobelpreis so nah wie jetzt. Die Erklärung ist so offensichtlich wie erschütternd:

Der Geburtenrückgang liegt an fehlerhaftem Sexualverkehr.

BÄM.

Mein halbes Leben schon beischlafe ich bereits inkorrekt.
Es ist ein Wunder, dass wir zwei Kinder haben und ich möchte mich in aller Form bei meinem Mann und allen Verflossenen entschuldigen, die so duldsam das ertragen haben, was Christy Forer in der SHAPE mir erst jetzt erklärt hat. 
Wenn geschlechtsreife Frauen die geschilderten, fatalen Vögelfehler von nun an vermeiden, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die vollkommen traumatisierten Männchen wieder scheu aus ihren Höhlen kommen und sich fortpflanzen wollen. Es ist ein langer Weg, aber schon Bob der Baumeister sagte: "Können wir das schaffen? Ja! Wir schaffen das!"

Was also haben wir bisher falsch gemacht? 
Christy erklärt unsere Fehler anhand des realistischen Beispiels einer "versehentlich am Kopf des Mannes angebrachten GoPro Kamera" die während des Beischlafs, ebenso versehentlich, "nicht ausgeschaltet" wurde. 
Die nachfolgende Video-Analyse des Tête-à-Tête mit dem merkwürdigen Videokopfmann zeigte wohl unter anderem, dass sich Christy dabei ein Kissen unter ihren Kopf gelegt hatte.
"Das sollte eine Frau niemals tun. Kissen sind unsere Feinde und haben beim Sex nichts zu suchen" schreit uns die Jeanne d'Arc des Generationenvertrages an, denn dadurch entsteht bei Frauen was? Na?

"Ein Doppelkinn."

Oh. Mein. Gott.
LeserInnen sind schockiert. Leser erschaudern ob dieser ihnen allzu bekannten Perversion der Natur, die sie schon viel zu lange ertragen haben. Schon unzählige Male haben sie angewidert das Liebesnest verlassen müssen, weil sie den Koitus einfach nicht zu Ende bringen konnten.
Wie sollen da Kinder gezeugt werden? Euch dämmert die Brisanz dieser Erkenntnis, nicht wahr?

"Man braucht ein Kissen allenfalls für den Busen und nur dann, wenn Sie zu den Frauen gehören, deren Busen gern etwas höher hängen könnte" führt Christy konsequent ihren Feldzug für die erfolgreiche Paarung des Homo Sapiens fort.
Hier hatte sie dann spätestens meine vollste Aufmerksamkeit.
Ich habe zwar eher das Keinbrust- statt dem Hängebrust-Problem, aber vielleicht hat Christy ja auch für Körperbehinderte wie mich einen wertvollen Tipp für das dritte Kind parat.
Hat sie, die gute Frau.
"Hängebusen vermeidet man", indem man sich das verdammte Kissen in den ...genau: "Rücken schiebt". Frauen mit großer Nicht-Hänge-Brust ist offenbar nicht mehr zu helfen, aber "für optisch mehr Busen" befiehlt Christy:
"Einfach gerade auf dem Rücken liegen bleiben. Das lässt den Busen breiter erscheinen."

LeserInnen sind erstaunt. Leser sind erneut fundamental erleichtert. Endlich hört diese Zappelei auf! Endlich sagt mal jemand den Frauen, dass Bewegung beim Geschlechtsverkehr SCHLECHT ist. Endlich bleiben die mal "gerade auf dem Rücken liegen" damit man ihnen aus den Tiefen der fortpflanzungswilligen Seele ein "Deine Brust ist so schön breit, Schatz" ins Ohr raunen kann. Ich kann die erlösenden Seufzer männlicher Kehlen geradezu hören.

Zum Ende dieses Wahnsinnsartikels erfahre ich noch, dass ich Dussel all die Jahre vergessen hatte, die Schwerkraft auszuschalten.
"Die Erdanziehungskraft ist nicht unser Freund" mahnt die Autorin der SHAPE in aller notwendigen Deutlichkeit. Um zu vermeiden, dass man die "Plauze des Jahres" wird (ja, ich zitiere durchgehend den Originalwortlaut, falls hier schon jemand laut in die Tastatur kotzt), sollten Frauen bedenken, dass im "Liegen gilt, was im Stehen schon funktioniert".
Ich dachte spontan an bettnässende, dreijährige Jungs, aber die waren nicht gemeint, sondern:
"Eine gerade Haltung verändert das Aussehen des Bauches. (...) Das ist vorteilhaft für einen flachen Bauch".

Christy schließt mit einem knackigen "Lassen Sie es krachen!"

Ich starre grenzdebil auf das, was ich gerade gelesen habe.
Kerzengerade durchgestreckt, bewegungslos auf dem Rücken liegend und das Kinn konzentriert nach oben gereckt - ja, das wird das Sexualleben in den Schlafzimmern der Republik reformieren, befruchten und befeuern. "Die Babyboomer 2015" werden sie uns in den Geschichtsbüchern nennen.

Millionen junge Männer mit dringendem Kinderwunsch sind froh, dass die Mädels endlich mal vernünftige Grundlagen für die Erhaltung des Stammes schaffen.
Millionen Männer, die sehr doll verliebt sind in die Frau, die da bei ihnen liegt, sind froh, dass sie endlich ! mal darüber nachdenkt, wie ihr Hals beim Sex aussieht.
Millionen Männer, die überhaupt ganz und gar nicht verliebt sind in die Frau, die da bei ihnen liegt...ja...denen ist bisher nicht nur das Doppelkinn schnuppe gewesen.

Danke SHAPE, für einen Artikel, den kein Mann auf der Welt jemals geschrieben hätte.
Danke SHAPE, dass Du junge Frauen darauf aufmerksam machst, wieviele körperliche Selbstverständlichkeiten doch als Schwachpunkte an ihren Körpern lauern.
Danke SHAPE, dass Du fünf Jahrzehnte der gemeinnützigen "Sex-macht-Spaß"-Bewegung mit einem Artikel in die Tonne kloppst.
Danke SHAPE, dass ich Sendungen wie Germany's Next Topmodel nun nochmal mit anderen Augen sehe, denn das sind die Mädchen, die diesen Schund lesen und vermutlich als nächstes versuchen werden, die Schwerkraft abzuschalten. Damit sie endlich jemand liebt. Oder der bescheuerte Bachelor sie anpatscht.
Danke für nichts. Ihr solltet Euch schämen.

Da dies auch ein ernsthafter Blog ist, möchte ich noch auf die wahren Gründe des längsten Streiks in der deutschen Geschichte eingehen.

Die deutschen Frauen streiken trillerpfeifenfrei seit zwei Jahrzehnten und verweigern die Geburt von einem oder mehreren Kindern.
Erst jetzt, wenn es die Medienlandschaft "Arbeitskräftemangel ab dem Jahre 2030" nennt oder "Standortproblem", heben das Arbeitsministerium oder das Wirtschaftsministerium mal die Augenbraue. Mal sehen, wie lange es dauert, bis auch die Wähler verstanden haben, dass es ihr Problem ist, wenn sie vermeintlich "rentenfreundlich" aber "familienfeindlich" wählen.
Das Jahr 2030 ist zu nah dran, um das gewohnte Nach-meiner-Rente-die-Sintflut-Credo zu leben.


Jahrelange Schlagzeilen wie  "Immense Doppelbelastung" - "Vereinbarkeit von Beruf und Familie unmöglich" - "Gläserne Decke" - "Lohngefälle in Frauenberufen" - "KiTa-Streik legt Mütter lahm" - "Hebammen sterben aus" - "Gender Diversity ist Unternehmen unbekannt" - "KiTa-Gebühren werden nicht erstattet" - "Altersarmut unter Müttern" - "Alleinerziehende Hartz4-Bezieherinnen" haben alle zusammen nicht halb soviel Durchschlagskraft wie der von Boston Consulting formulierte Satz, den auch der letzte Wähler mit dem Jahrgang 1950 und jünger begreift:

"Unser Wohlstand ist bedroht". 

Ups. Das möchten wir ja jetzt nicht so gerne hören.

"Wohlstand bedrohen" mögen wir schon an den Griechen und an den Flüchtlingen überhaupt nicht und jetzt fangen unsere kinderlosen Töchter auch noch damit an. 
Wohlstand rockt!
Wohlstand soll bleiben!

Dummerweise wollen wir aber Ausbildungsberufe in Vollzeit nicht so bezahlen, dass jemand von diesem Lohn tatsächlich auch die Rechnungen einer dreiköpfigen Familie in einer Dreizimmerwohnung bezahlen kann. Wir neiden den Erzieherinnen 10 % mehr Lohn, weil wir selbst oder andere ja "auch nicht mehr verdienen". Die sollen gefälligst genauso in der Tinte sitzen bleiben wie wir.
Rund € 240,00 mehr im Monat in einem Ausbildungsberuf in Vollzeit ist uns unsere eigene Rente offenbar nicht wert. Nun, allein unser KiTa Platz kostet das Doppelte im Monat. Die KiTa soll aber eine mit der kostenlosen Grundschule vergleichbare Bildungseinrichtung sein, deren Besuch dem Aufenthalt bei den Eltern zu Hause grundsätzlich vorzuziehen ist.

Ja, das ist etwas blöd jetzt, wenn man 25 Jahre alt ist, Altenpflegerin (Erzieherin, Arzthelferin, Sozialpädagogin, Rechtsanwaltsfachangestellte, Bankkauffrau, Kosmetikerin, Busfahrerin...) von Beruf, 2600 € brutto in Vollzeit verdient und die Miete in Hannover 650 € kalt im Monat kostet. In Teilzeit reicht das dann für dreimal Volltanken und ein Salamibrot für den Vater, aber nicht für ein KiTa-Kind und eine Dreizimmerwohnung.

Das finanzielle Problem der unwirtschaftlichen Berufstätigkeit und der Kinderaufzucht löst eine 26-jährige Krankenschwester (Juristin, Zahnärztin, Konditorin, Kommunikationswissenschaftlerin, Gesundheitsökonomin...) erstaunlich effizient, indem sie keine Kinder bekommt. Oder bestenfalls eins.

Da durch beständige, politische Ignoranz die Hebammenversorgung flächendeckend zusammenbricht, ist es ohnehin besser, wenn man erst gar keine Hebamme braucht. Die Geburt ist mittlerweile als absolute Notfallsituation im Leben einer Frau tief in den Köpfen der Mädels verankert. Folglich sollte sie unbedingt in einer Klinik und möglichst geplant erledigt werden. Gut, so ein klinischer Dammschnitt zweiten Grades spornt jetzt nicht gerade zum Gebären an, aber was soll's: 
Geburtshäuser gibt es kaum noch. Schließlich sind sie kein "wertvolles Kulturgut", wie die beispielsweise mit jährlich 7 Millionen subventionierten Wagner-Festspiele in Bayreuth. Sie retten auch keine Banken. Das machen diejenigen, die sie zunächst mitsamt der Wirtschaft ruiniert und dann dem Staat 100 Millionen für ihre Beratungsleistungen in Rechnung gestellt haben. Geburtshäuser dienen lediglich der Erhaltung der Menschheit durch Frauen von Frauen. Aber das kann man ruhig mal so 20-30 Jahre ignorieren und dann panisch den "Wohlstandsnotstand" ausrufen.

Es kann doch nicht so schwierig sein, endlich mal das zu fördern, was das Land tatsächlich braucht, wenn sich dasselbe Land auch 300 Millionen Euro für zweitägige Welfrieden-Shake-Hands der G7 Entourage im Allgäu leisten kann.

Eine 27-jährige, frisch verliebte Tierärztin (Dokumentarfilmerin, Theologin, Physiotherapeutin, Tänzerin, Systemingenieurin...) hat außerdem gelesen, dass im Gegensatz zu den zu 9% in Teilzeit arbeitenden Familienvätern eine (Achtung, neues Wort:) "Familienmutter" mit 80%iger Wahrscheinlichkeit nicht mehr an ihren alten Job anknüpft. Einen neuen, vergleichbaren Job bekommen wird extrem schwierig, außer die Antibewerbung funktioniert. Zwar verdienen Frauen auch vor der Elternzeit schon 22% weniger als ein (Achtung,  neues Wort)  "berufstätiger Vater". Aber besser weniger Geld verdienen als gar keins und zu Hause bei den Rentenzahlern, äh, Kindern sitzen und verarmen.
Frauen bekommen außerdem, so informiert sich die mittlerweile 30-Jährige, im Durchschnitt durch die Kinderaufzucht auch noch 60% weniger Rente am Ende ihres Erwerbslebens im Vergleich zu ihrem Klassenkameraden mit demselben Geburtsjahrgang. SECHZIG PROZENT.

Eine 33-jährige Freundin einer Pferdewirtin (Einzelhandelskauffrau, Marketingmamagerin, Sportwissenschaftlerin, Modedesignerin, Veranstaltungskauffrau...) hat 25 Tage Urlaub im Jahr, ihr Mann ebenfalls. Ihr Grundschulkind dagegen aber 89 Ferientage. Die beiden nehmen daher ausschließlich getrennt voneinander "Urlaub". Das 3-jährige Söhnchen geht seit vier Wochen nicht in KiTa, weil die noch streikt. Im Januar hatte der Kleine eine Woche die Kindergarten-Pest in Form von Maul-und-Klauenseuche. Da war Mama auch nicht im Büro, weil Oma mittlerweile im Pflegeheim ist. Der Arbeitgeber hat in einem Wutanfall neulich geäußert, dass er "Nie wieder 'ne Mutter einstellt!", deswegen heult die Freundin am Küchentisch. 
Das beeindruckt die kinderlose Mittdreissigerin und sie heult mit. Weil sie so gerne Kinder bekommen würde und ihr Freund auch. Am liebsten mit ihr, obwohl sie Winkearme und einen sehr langen Zeigezeh hat. 
>Wenn aber nur 50% der Deutschen in 15 Jahren überhaupt noch arbeiten, sollte das deutsche Mädel tunlichst dafür sorgen, durchgehend genug Geld zu erwirtschaften, damit sie im Alter nicht verarmt. Mit Kindern geht das aber nicht, denn allein die KiTa-Gebühren...und hier fangen wir an, uns im Kreis zu drehen.

Ich möchte mich Christy Forer aus der SHAPE daher in einem Punkt anschließen:
"Lasst es krachen"
und wählt entsprechend, denn dieses Foto vom Weltfrauengipfel ist schon recht beeindruckend, wie ich finde:


So denn irgendwann mal eine Partei auftaucht, die sich traut das in einem Wahlkampf auf die Fahnen zu schreiben und dann auch noch durchzusetzen. Andere Länder machen es (ganz offensichtlich) richtig(er).

Hauptsache wir kümmern uns um die Maut.

Eure Juramama 
www.facebook.com/juramama

P.S.:
-Wer noch nicht genug hat, der lachtweint bei "Die Anstalt" mit Carolin Kebekus.
-Wer Neues zur Frauenquote lesen möchte, um sich eine eigene Meinung zu bilden, der liest bei IR-Profi und zweifacher Mutter Anna Hinrichsen nach.
-Wer den Feminismus "satt" hat, der liest Ronja von Rönne und freut sich über junge Frauen und ihre Sprachgewalt. Wer mit 23 nicht denkt wie sie, der geht auch nach dem ersten Kind nicht die Wände hoch...und dafür brauchen wir sie 2030 noch dringend.
-Wer noch wissen muss, was eigentlich bei den Hebammen los ist, der geht ins Kino "Einsame Geburt". Die Termine sind auf der Startseite angegeben. Meinen Pickel konnte man nicht überschminken. Ich sollte mal Christy fragen, was man in solchen Fällen macht. "Licht aus" vermutlich.
- Wer wissen will, warum Geburtshäuser auch dann wichtig sind, wenn man dort nicht entbinden will, der liest Teresa Bücker in der großartigen EDITION F.
- Wer sich ansehen will, wie kreativ junge Eltern die "Vereinbarkeitsdebatte" lösen, der schaut bei Coworking Toddler vorbei und wirft ein paar Euro ins Crowdfunding: http://is.gd/ZA5xPB

P.P.S.: Ich liebe ja Zitate. Und weil das hier so gut passt und es immer so schlau und belesen klingt, wenn man wichtige Leute zitiert und ich außerdem finde, dass das Bundesverfassungsgericht ein Machtwort sprechen sollte:
Prof. Dr. Paul Kirchhof (Richter am Bundesverfassungsgericht 1987 bis 1999)
“Den Generationenvertrag des Sozialstaates halten nur die Eltern ein. Dass gerade sie an diesem Vertrag kaum beteiligt werden, ist ein rechtsstaatlicher Skandal"
 UND
Prof. Dr. Roman Herzog (Bundespräsident 1994 bis 1999...huch, auch bis 1999...was ist eigentlich 1999 passiert?)
“Es kann nicht sein, dass ein Ehepaar – bei dem nur der eine ein Leben lang ein Gehalt oder einen Lohn einsteckt – Kinder aufzieht am Ende nur eine Rente bekommt. Auf der anderen Seite verdienen zwei (kinderlose) Ehepartner zwei Renten. Und die Kinder des Paares, das nur eine Rente bekommt, verdienen diese beiden Renten mit. Das ist ein glatter Verfassungsverstoß.”
Zitate entnommen bei www.elternklagen.de 

Juramama kann man auf facebook folgen und bei twitter. Wobei ich Twitter noch nicht ganz geschnallt habe. Aber ich folge da dem echten Boris Becker. Glaube ich.