Samstag, 24. Juni 2017

Mein Tagebuch und der Datenschutz - Reloaded aus 2015

In den 90ern des vergangenen Jahrhunderts war ich Ewigkeiten circa vierzehn Jahre alt. 
Wie nahezu alle meinen pubertierenden Geschlechtsgenossinnen, schrieb ich passioniert Tagebuch. 



Bewegendes im DIN-A6 Format. Oft mit verwackelten Fotos aus der letzten 36er Filmrolle und den Duckface-Selfies der ersten Stunde illustriert. Das wahre #nofilter und #picoftheday.

Auch Gedichte über die Liebe oder den Geschmack von Wolken finden sich darin. Liedtexte über Freundschaft, Atomkraft und den Weltfrieden, wie beispielsweise mein Song "Kein Geld für Öl" mit drei Akkorden zur Gitarre aus dem April 1993. Ich vermute, dass ich mich eigentlich gegen "Krieg für Öl" aussprechen wollte, aber "Geld für Öl" hatte ich damals auch nicht, daher zählt das als Protest.

Samstag, 29. April 2017

Sexy Babysitter? Wenn, dann bitte dänisch!



shutterstock/sergey856
Wir haben die schönste Babysitterin der Welt. Attraktivität ist zwar arbeitsrechtlich kein erlaubtes Einstellungskriterium, aber sie kann ja auch keine Tüte im Gesicht tragen, damit man nicht mehr sieht, wie bezaubernd sie ist, während sie toll mit meinen Kindern umgeht.

Mein Sohn ist zumindest schwerst in sie verknallt und wird sogar manchmal rot, wenn sie unbemerkt um die Ecke schleicht. Mittlerweile darf sie ihm logischerweise auch nicht mehr mit Rat und Tat zu Seite stehen wenn er mal auf die Toilette muss. "Sie werden so schnell groß" schreit mein Mutterherz. Naja, und alle ungebundenen Herren unseres Bekanntenkreises lungern auch noch verdächtig häufig bei uns zu Hause rum, wenn unser Babysitter noch oder schon da ist, weil wir beide etwas zu tun hatten. Und das haben wir oft.

Zum Beispiel ist ständig Elternabend. 

Gefühlt müssen wir auf ca. 26 Elternabende die Woche. Nicht nur die Schule und der Kindergarten, sondern auch alle Sing-, Klatsch-, Tanz- und Turnvereine, in die wir unsere Kinder gesteckt haben, laden zu einem gemütlichen Beisammensein ein, um die Zukunft der Kinder, die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart adäquat aufzuarbeiten. Wirklich schlimm sind nur die Abende, an denen Eltern erschöpfend den Inhalt aller Kinder-Frühstücksboxen diskutieren müssen, nur weil die Lena-Emma-Sophia eine Nussallergie hat. Oder über den maximal akzeptablen Härtegrad von Knete abstimmen, nicht ohne zuvor darüber abgestimmt zu haben, ob sie darüber abstimmen sollen. 

Mitlesende Eltern von Kindern im Grundschulalter wissen vermutlich wovon ich spreche. #youfeelmypain

Kinder von Menschen betreuen zu lassen, die nicht ihre Mütter (oder Väter) sind, ist bekanntlich hierzulande aber kostenpflichtig und auf Dauer richtig teuer.

Steuerlich absetzbar? Reicht das?

Kinderbetreuungskosten sind in Deutschland derzeit steuerlich absetzbar bis zu einem Höchstbetrag von 4000€ pro Kind pro Jahr. Steuerlich absetzbar heißt übrigens nicht, dass man den Betrag erstattet bekommt. Es bedeutet nur, dass sich der Betrag verringert, für den man dem Staat monatlich/jährlich seine Steuern schuldet. Wer eh' nicht gut verdient, hat von dem Argument "Sie können die Kosten ja absetzen" wenig bis gar nix. 

Zu den derzeit absetzbaren Kinderbetreuungskosten zählen nicht nur die KiTa- und Hortgebühren, die Eltern leider immer noch zahlen müssen um arbeiten gehen zu dürfen. Auch Kosten für einen Babysitter oder eine Nanny sind absetzbar. Diese Ausgaben muss man dem Finanzamt allerdings immer mit einer Rechnung nachweisen, also fallen die typischen "Passt Du heute Abend mal spontan auf die Kids auf -Nachbarstochter-Babysitter" mangels Rechnung aus der steuerlichen Absetzbarkeit meist raus. Oma und Opa natürlich auch, aber die machen das auch umsonst. Wenn aber Oma oder Opa aufpassen, im Rahmen von familiären Gefälligkeiten (also auch Tanten und Onkel), kann man ihnen die Fahrtkosten zu den Enkeln bezahlen und diesen Betrag dann von der Steuer absetzen. So entschied das Baden-Württembergische Finanzgericht (AZ 4 K 3278/11). Also her mit den Rechnungen vom Oma!

Achtung, hier kommen die Dänen!

Ich möchte hier aber auf etwas raus was derzeit im Rahmen einer Reform zur Kinderbetreuung in Dänemark eingeführt werden soll und was ich ganz großartig finde.

Der dänische Gesetzgeber möchte nämlich einen Zuschuss für einen Babysitter bezahlen, wenn Eltern berufsbedingt die Oma, den Onkel oder einen Freund als Babysitter beschäftigen, weil die KiTa-Öffnungszeit mit ihren Arbeitszeiten kollidiert. Wenn beide Eltern früh morgens, abends oder nachts arbeiten, hat die KiTa zu und keiner versorgt die Kids. Das betrifft Menschen die in Kliniken und Heimen arbeiten, Zug-Bus-Taxipersonal, Gastronomie und Hotellerie...ach, die Liste ist endlos. Dazu sind das in der Mehrheit Branchen, in denen viele in ganzen Monat das verdienen, was das Frühstücksbuffetts der Vorstandssitzung jeden Dienstag kostet. In Dänemark wie in Deutschland. Da rockt ein Zuschuss, nicht die Absetzbarkeit.

Auch hier in Deutschland arbeiten viele Menschen außerhalb der  gängigen Kinderbetreuungszeiten. Die Zahl der Arbeitnehmer*innen die Abends arbeiten hat sich in den in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt von 15% auf über 24 %. Auch die Nachtarbeitsquote stieg an. 

Und hier kommen wir. 

Wir in Deutschland haben in diesem Zusammenhang politisch die (je nach Bundesland kostenpflichtige) 24-Stunden-KiTa diskutiert. Eine Verpflichtung für die Länder eine solche KiTa überall bereitzustellen, gibt es aber nicht. Das zudem unschöne Gefühl, das eigene Kind bis 23 Uhr in eine Betreuungseinrichtung geben zu müssen, kann sich jeder vorstellen. Wenn das Kind stattdessen zu Hause zu Abend essen oder schlafen kann, versuchen Eltern alles, um das zu ermöglichen und schmeissen ihr Netzwerk aus Verwandtschaft und Freunden an. Die hat aber nicht jeder und auch die müssen oft selbst arbeiten.
Oder sie haben eben keine Lust unentgeltlich Leberwurstreste vom Sofa zu kratzen. 

Warum nicht auch bei uns wie in Dänemark und das flächendeckend? Warum ist das Thema bei uns so schwer? 
Kinderbetreuungskosten sind in Deutschland Ländersache und gehören somit zu den Dingen, die sich Bund und Länder unendlich hin- und herschieben können. Vereinfacht gesprochen, sagen die Länder: "Wir haben die Kohle dafür nicht." Der Bund sagt: "Wir haben vielleicht die Kohle, wir dürfen es aber verfassungsrechtlich aber nicht ausgeben. Wir haben ja gesehen was mit dem Betreuungsgeld passiert ist" (hier meine Erklärung dazu). In der Folge passiert seit Jahren: Nichts. Wir sind bis dato nur gut darin das Problem einfach weiter zu bewundern, anstatt eine mutige oder kreative Lösung anzubieten. Die Eltern haben nämlich beides nicht: Kohle oder Gesetzgebungskompetenz. 

Wo geht das Geld hin?

Natürlich kostet das Steuergeld. Aber genau da gehört das Geld eben auch hin. Zu den Familien, die dazu auch noch berufstätig sind und damit die Gesellschaft in jeglicher Hinsicht tragen und Steuern bezahlen. Die Tatsache, dass nur Eltern ihren Lohn dafür ausgeben müssen, um überhaupt zur Arbeit gehen können, ist absurd. Die 8,50 Euro Mindestlohn kann die Kellnerin nämlich gleich an den Babysitter durchreichen, der das rechtlich ebenfalls verdienen muss. Denn wer einen Babysitter regelmäßig braucht, ist aus der "Gefälligkeit" raus und macht sich der Steuerhinterziehung schuldig, wenn er ihn schwarz bezahlt. 
Hier macht ein Zuschuss also durchaus Meter und eine Menge Sinn. Deutlich mehr als eine steuerliche Absetzbarkeit.

Die Berliner sind da schon ganz fortschrittlich-halb-dänisch und bezuschussen einen Nanny-Service durch den Senat. Mega! Warum nicht überall und auch außerhalb eines Nanny-Services? Das gibt es nur in großen Städten.

Alleinerziehende sind (nicht nur) der Depp.

Ist das wirklich bundesweit ein reales Problem? 

Ja. Nicht für jeden, aber für sehr viele Eltern. Paare kennen das abendliche Betreuungsproblem in der Medium-Version. 
Alleinerziehende haben das  Problem täglich in der Hardcore-Edition und die werden steuerlich dazu noch so dermaßen abgezockt, da bleibt einem gerade in diesem Zusammenhang mal wieder die Spucke weg. 
Der Bundesfinanzhof (quasi der BGH für Finanzfragen) hat im Januar 2017 eine Revision eines Urteils zurückgewiesen, in der eine wichtige steuerliche Frage angeprangert und abgeändert werden sollte. Alleinerziehende bekommen die Steuerentlastung durch das "Ehegattensplitting" nach wie vor nicht, obwohl sie genau das jeden Tag betreuen und die Kosten dafür schultern, was das Ehegattensplitting fördern und ermöglichen sollte: Kinder.  Dazu haben sie noch überwiegend ein geringes Einkommen, so dass sie die Absetzbarkeit ihres Kindermädchens (ich höre tausende Alleinerziehende gerade laut lachen) überhaupt nicht nutzen können. Ehepaare ohne Kinder dagegen profitieren steuerlich vollkommen unproblematisch von diesem Ehegattensplitting, auch ein ganzes kinderloses Eheleben lang, ohne in dieser Zeit auch nur einen einzigen Cent für die Betreuung von Kindern ausgeben zu müssen. 
Eindrucksvoller als im Lichte der Betreuungskosten kann man den Fehler des Ehegattensplittings aus meiner Sicht kaum darstellen. Wer Bock auf hohen Blutdruck hat, der lese ergänzend dazu gerne hier nach. Ich verleihe sonst auch gerne die Tüte, in die ich atmen muss.

Auf nach Haithabu!

Ich pack jetzt die Kinder ein und fahre nach Haithabu. Das ist eine uralte, dänische Wikingersiedlung in der Nähe von Schleswig und Kiel und war ab dem 8 Jahrhundert ein wichtiger Handelsplatz. 

Während meine Kinder dort ein Amulett schmieden dürfen, denke ich drüber nach, wie ich 12 Jahrhunderte später mal wieder gute Ideen aus Dänemark hierher importiert bekomme.

Wer von Euch kennt ähnliche Initiativen aus seiner Kommune? Wie sieht es bei Euch mit den Betreuungskosten aus? Könnt oder wollt ihr 24-Stunden Kitas nutzen? 


Mine damer og herrer, jeg onsker Dem en god weekend!




Freitag, 7. April 2017

Das neue BGH Urteil für Kinder und Computer: I LIKE!

Meine Kinder sind vermutlich nicht von mir. Sie sind in Wahrheit Aliens. 
Sie gehen nach mir ins Bett, nachts gehen sie noch drei Mal auf's Klo und sind trotzdem vor mir wieder wach. Sie überleben also schlaflos und haben trotzdem gute Laune. Nach fünf Stunden Schulunterricht und einer Stunde Schwimmkurs, den ich konditionell keinesfalls überleben würde, entspannen sie sich mit einer weiteren halben Stunde Ultimate-Cagefight auf dem Gartentrampolin und ziehen alle Kraft dafür aus einer einzigen Nährstoffquelle: Nudeln mit Butter oder Ketchup. Außerdem sind sie seit ihrer Geburt mit der erstaunlichen Fähigkeit ausgestattet, jegliche Form von Elektrosmog zuverlässig aufzuspüren. Geräte, die bunte Bilder produzieren, erschnüffeln sie über unglaubliche Distanzen hinweg. Sobald ich heimlich ein Tablet oder den Fernseher oder den PC anschalte, stehen sie plötzlich neben mir und keiner hörte sie kommen. Ich glaube sie teleportieren sich da hin. Das ist am wahrscheinlichsten. Sie kommunizieren dann auch in einer fremdartigen Aliensprache, die ungefähr so klingt:

 

"MamaDüffnwirTomUndJerrykucknMamaDüffnwirdasPonyspielspielnMamaJaMamaNurganzkurzechtjetztMamaOhMannoWirhabengesternauchnixgeschautMamaOK?"

 

So auch gestern. Ich gab klein bei und unserem Sohn das Tablet, um mir selbst fünfzehn Minuten Ruhe zu verschaffen. Jesper Juul hält mich jetzt vermutlich für einen erzieherischen Komplettversager, aber das wäre eigentlich ja nichts Neues. 

 

Leider waren es nur sieben Minuten Ruhe, denn dann stand der Grundschüler wieder neben mir und wollte gerne mal eben meine Kreditkartendaten haben. Er wolle damit "Quallensaft" für 25 Euro kaufen, sagte er.

Nun gut. Ich habe meine Kreditkarte schon für weitaus absurdere Produkte mit hohen Beträgen belastet, aber da hatte ich immerhin schon ein eigenes Einkommen. Quallensaft, so erklärte er mir, bräuchte er dringend um schnell ein Krankenhaus bauen zu können. Humanitäre Hilfe kann man gar nicht früh genug unterstützen, aber hier hatte ich schon arge Zweifel, dass es sich um ein seriöses Entwicklungshilfeprojekt handelt. Ich lag richtig. Es ging um ein Krankenhaus ganz tief im Meer, es gehört Spongebob Schwammkopf und es steht in einem Onlinespiel. Virtueller Quallensaft für echtes Geld beschleunigt die Bauzeit des Gebäudes, erfahre ich von ihm und er bettelt um echtes Geld. Damit verdienen die Spieleerfinder Geld und strapazieren dafür die Geduld der Nutzer. Mein Sohn ist offenbar auch so ein "User" und ich löschte das Spiel unbarmherzig. Auch sein Taschengeld durfte er nicht für virtuelle Scheiße wie diese ausgeben. Seitdem hasst er mich und ich kann ihn verstehen. 

 

Ich selbst habe mein gesamtes Taschengeld vor 25 Jahren in Stoff-Sticker investiert, die ich in einem kitschigen Album sammelte und mit meiner ganzen Klasse tauschte. Ich war auf "Stoffherzen" spezialisiert, meine Freundin Sita auf "Stoff-Koalas" und unsere Eltern schüttelten täglich den Kopf, wie kleine Wackeldackel, ließen uns aber gewähren. Auch das BGB gab mir die Möglichkeit, ohne das vorherige Einverständnis meiner Eltern, ein rechtswirksames Geschäft abzuschließen. Das steht nämlich im BGB in seinem berühmten "Taschengeldparagraphen" in § 110. Kauft ein Kind etwas von seinem "eigenen" Geld, auch etwas Teures, so geht der Gesetzgeber davon aus, dass die Eltern mit dem Geschäft einverstanden sind und das Geschäft ist wirksam. Meine Eltern hätten damals aber auch handeln können wie ich mit den Quallen und mir den Kauf von so etwas von vorneherein verbieten können. Dann ist das Geschäft nicht wirksam, obwohl das Kind es aus eigenen Mitteln bestritten hat. Taschengeld hilft den Kindern also nicht gegen den Willen der Eltern, sondern soll nur Rechtsgeschäfte erleichtern, die von den Eltern durch Taschengeld-Zahlungen mutmaßlich abgesegnet sind.

 

Warum erzähle ich Euch das? Der BGH hat mal wieder gesprochen (Az III ZR 368/16) und es gefällt mir sehr gut, was er sagt. 

 

Ein dreizehnjähriger Junge hatte sich 2016 ein kostenloses Computerspiel heruntergeladen und im Verlauf den Spiels wurden ihm kostenpflichtige Zusatzoptionen angeboten, die er entweder mit Kreditkarte oder auch über das Telefon mit einer 0900er Nummer bezahlen konnte. In Ermangelung einer eigenen Kreditkarte griff der Teenager zum Telefon. Dreizehn Mal. Er brauchte er gar keine PINS oder TANS oder Bankdetails. Es reichte anzurufen und dann wurde das Geld einfach auf die Telefonrechnung gebucht. 1.250,00 Euro waren das. Die wollte die Mutter nicht bezahlen. Zu Recht sagte der BGH und zu Recht finde auch ich. Schon früher hatte sich der BGH mal zu diesen In-App-Käufen geäußert und eingeschränkt, wie die Anbieter dafür werben dürfen, damit nicht Kinder gezielt in diese Falle tappen. Direkte Formulierungen die zum Kauf aufrufen sind seitdem verboten.

 

Nun hat der BGH nochmal Tacheles geredet und spricht damit nicht nur Eltern an, sondern jeden, dessen Telefonanschluss für etwas benutzt wird, was er selbst nicht autorisiert hat. Nutzt also jemand ohne unsere Erlaubnis einen Dienst wie den beschriebenen, dann haftet nicht der Anschlussinhaber, sondern der Dienstleister, der dieses Geschäft abgewickelt hat, ohne Sicherheitsstufen einzubauen. So leicht will man es also den 0900er Nummern nicht machen. 

Ich begrüße das.

 

Wer dieses Ärger von vorneherein vermeiden will, redet mit den Kindern über den verantwortungsvollen Umgang mit Onlinespielen. Wer noch kleine Kinder hat, die trotzdem mal ein Tablet-Spiel spielen dürfen, der schaut sich das Spiel vorher ganz genau an. Sogenannte In-App-Käufe kann man oft extra mit einem Passwort schützen oder ein Limit setzen, bis zu welcher Höhe sie erlaubt sein sollen.

 

Hätte der Teenager übrigens das gemacht, was ich zunächst als teenagertypisch vermutet hatte, nämlich eine Sexhotline angerufen, dann wäre das Urteil anders ausgegangen. Hier wird schon während des Gesprächs eine Gegenleistung erbracht, die können Eltern dann nicht mehr widerrufen. 

 

Aber welcher Teenager macht das in den Zeiten des Internets noch. Hierzu findet ihr mehr in meinem Buch in dem Kapitel Internetpetition zur Abschaffung des Internets, inwelchem ich mich mit dem barrierefreien Zugang zu filmischen Meisterwerken wie Besen im Arsch 7 beschäftige und wie wenig ich das gut heiße. Im Klassenzimmer. Im Schulbus. Im Teenagerzimmer. 

 

So. Ich belaste nun meine Kreditkarte mit etwas Sinnvollem. Augencreme mit Meeresalgenextrakt zum Beispiel.

Mittwoch, 15. März 2017

Es ist Zeit für Komplizenschaft unserer Generation: Mein Buch dazu.

Keine Kinder sind auch keine Lösung.
BASTEI LÜBBE
- DER PROLOG -



Ich sitze an einem lauen Sommerabend in einem Biergarten. Um mich rum tummeln sich Freundinnen und Freunde und der kleine KarlVor mir steht ein beeindruckendes Weizenbier mit Grapefruitgeschmack. Ich rauche eine halbe Zigarette und trage dabei einen Sonnenhut im SonnenuntergangSo schmeckt die Freiheit. Ich bin die Marlboro-Mann-Werbung, nur ohne Pferd und ist herrlich schwindelig. Der Bürotag war lang bisher, nun soll er bitte noch ein bisschen länger dauern. Nur ohne Büro.
Ich mache ein optimal ausgeleuchtetes Selfie mit meinem Keine-Falten-Filter und schicke es an meine Mutter. Meine Kinder liegen heute mal bei Oma und Opa im Bett, trinken Apfelsaft pur und hören die zwölfte Gute-Nacht-Geschichte. Meine Mutter macht sofort ein komplett verwackeltes Selfie von sich und den Kindern und schickt es fünfmal hintereinander an meinen Mann. Der ist im Fußballstadion, trinkt Bier pur und fällt fremden Männern in die Arme,sobald ein anderer fremder Mann ein Tor schießt. Mein Mann macht ein Foto von seiner Bratwurst und schickt es an mich. 
Alle sechs Familienmitglieder sind in diesem Moment sehr zufrieden,und zumindest zwei von ihnen etwas betrunken. 

What a wonderful world.

Da schiebt sich ein Schatten vor die Sonne. Ein Herr mit ergrautem Haupthaar erhebt sich von der Bierbank und gleichzeitig seine sonore Stimme. Er spricht zu mir. Glaube ich zumindest.

Was, zum Teufel, stimmt eigentlich nicht mit Ihnen?

Vermutlich geht’s euch jungen Frauen einfach zu gut. Im Ernst, ihr jungen Leute habt doch genug Geld, mit euren Smartphones und euren Fitnessarmbändern. Ihr seid die Erbengeneration. Ihr habt einen Abschluss. Ihr habt einen Job. Ihr Frauen werdet sogar bei „gleicher Eignung bevorzugt eingestellt“ und niemand darf euch „jung“ oder „naiv“ oder „dick“ oder „doof“ nennen. Das ist doch geradezu ideal, oder nicht? Und was macht ihr? Ihr tretet in einen beleidigten Gebärstreik! 
Ihr könnt euch im Internet durch die Parameter eurer Elitepartner tindern und „Matches“ ausloten, bevor ihr eure virtuellen Herzchen verteilt. Heutzutage könnt ihr sogar heiraten,wen und wann ihr wollt. Frauen können Frauen und Männer können Männer lebenspartnern. Zwar fehlen denen die Spermien oder wahlweise die Gebärmütter für die einzig sinnvolle Folge des Treueschwurs, der Fortpflanzung, aber ihr dürft es eben trotzdem.

Meine Freundin Klara gegenüber lässt verschämt ihr Handy sinken. Gerade hatten wir übereinstimmend einem Simon (36) aus Hamburg, der über einen niedlichen Welpen und einen Hundeblick verfügt, ein fettes SUPERLIKE auf Tinder gegeben. Er hat einem Date zugesagt. Morgen hat Klara ihren „freien“ Tag mit ihrem Baby. Wie übrigens jeden Tag derzeit. Sie sucht verzweifelt einen Job. 
Der Mann ramentert weiter.



Vor der Geburt bekommt ihr Kündigungsschutz, nach der Geburt bekommt ihr wochenlang euer altes Gehalt, die Papas ein paar lässige Vätermonate und dann gibt‘s monatelang steuerfinanziertes Elterngeld noch obendrauf. Tausende von Euro. Ganz ohne Arbeit. Geschenkt. Vom Steuerzahler. Den Antrag stellt ihr bequem online von der Couch aus. Natürlich nachdem ihr euer von der Krankenkasse gesponsertes Reagenzglaskind in einem hochtechnisierten Kreißsaal geboren und euch im Anschluss im Familienzimmer mit einem Exemplar der „neuen Vätergeneration“ von den Strapazen der gemeinsamen Wassergeburt erholt habt. Euer Chef muss euch sogar den Arbeitsplatz freihalten, bis ihr aufgehört habt, in der Öffentlichkeit unkontrolliert herumzustillen und daheim Bio-Pastinake einzukochen und laut zu jammern, wie wenig „Wertschätzung“ ihr bekommt
Langweilig geworden zu Hause? Ganz spontan könnt ihr dann bei eurem Chef anrufen und verkünden, dass ihr endlich wieder was Richtiges arbeiten wollt. Aber zu kinderfreundlichen Zeiten, bitteschön. Vollzeit ist euch unangenehm? Ihr könnt euch eine befristete Teilzeitstelle vor dem Arbeitsgericht einklagen, egal ob es der Firma schadet oder nicht. „Eltern First“ - das habt ihr kapiert. Falls der passende, steuerfinanzierte Krippenplatz nicht da ist, klagt ihr den vor dem Verwaltungsgericht auch noch ein und fordert zusätzlich, dass der kostenlos ist. Ja klar! Sollen die anderen zahlen, eure Kinderlein. Ach ja, das Ganze gespickt mit einem Schadenersatzanspruch gegen Vater Staat, weil’s alles so lange gedauert hat und ihr nicht arbeiten konntet. Darf es sonst noch was sein? Homeoffice vielleicht? Ein Spaziergang durch alle Instanzen und dabei schreit ihr ganz laut „Diskriminierung!“. Ihr seid doch selbst Schuld. Kein Gesetz diskriminiert euch, und jetzt ist auch langsam mal gut. Leistet mal was. Wir haben uns auch nicht so angestellt. Früher ging es auch.

Ein leises, aber schrilles Klingeln macht sich in meinem Ohr breit. 
Ich hatte einen langen Tag voller solcher schönen Spaziergänge durch verschiedene Instanzen. 
Mir tun die Füße weh. 

Ihr habt ein Recht auf wochenlangen Mutterschutz, Kleinkindbetreuung und diskriminierungsfreie Arbeitsplätze.Ihr bekommt auf Wunsch ein eigenes Familienabteil im ICE mit extra Stellplatz für euren Bugaboo-Kinderwagen-Porsche und dreieckige Buntstifte für den ergonomischen Griff der kleinen LieblingsfingerchenAuf dem Weg ins Familienhotel in Oberösterreich bestellt ihr im Speisewagen einen „Piratenteller“ mit glutenfreier Kinderkartoffel, die natürlich auf den Boden fällt. Die kleinen Lieblinge müssen sich frei entfalten, nicht wahr? Auch in Restaurants.



Huch! Da bringt der Kellner das Biene-Maja-Schnitzel vom kleinen Karl. Der spielte mit dem Handy seines Vaters seit einer halben Stunde ein Tiergeräusche-Memory am Tisch. Bis gerade eben war „Wie macht die Grille?“ noch das unangenehmste Hintergrundgeräusch.

Herrgott noch mal, da träumen die jungen Leute in anderen Ländern doch davon. Die sind nicht so privilegiert wie ihr hier in Deutschland. Und was machen die?

Die. kriegen. Kinder.

Ihr nicht. Ihr bedroht unseren Wohlstand, ihr EgozockerDie jungen Deutschen bekommen die wenigsten Kinder. Weltweit! Ich hab jetzt fünfunddreißig Jahre lang in Vollzeit durchgebuckelt. Ich hab mir meine Rente erarbeitet. Ich habe was geleistet im Leben. Hört auf zu heulen, wir haben auch nicht geheult, sondern einfach gemacht. 
Was, zum Teufel, stimmt eigentlich nicht mit euch?

Ob seiner harschen Worte senkt sich unweigerlich mein Blick und ich schaue verlegen und verunsichert auf meine Füße.

Sie stecken in zwei klumpigen, blauen Plastiksäcken mit Gummizug. Seit fünf Stunden trage ich offenbar noch die Schmutzüberzieher aus dem Kindergarten über meinen Pumps und keiner hat es mir gesagt.

Ich atme ein und aus. Ein und aus. Fassungslos starre ich den Mann an, der so viel Meinung bei so wenig Ahnung zu haben scheint. Ich trauere um meinen feierabendlichen Seelenfrieden im Sonnenuntergang. Der Typ hat mir meinen rosawolkigen Geschmack von Freiheit kaputtgeschimpft. Ungebeten und echt laut. Da beginnt mein Mittelfinger zu zucken, bleibt aber ganz ladylike dort, wo er ist. Ich kenne den Mann! Er ist das, was passiert, wenn Kommentarspalten aus dem Internet plötzlich lebendig werden.

Noch an diesem Abend klappe ich meinen Computer auf und mache mich bereit zu der längsten Replik, die jemand mit Mülltütenfüßen jemals geschrieben hat und sie beginnt mit


F*** YOU VERY MUCH...


So. 
Wer Lust hat weiterzulesen, der wandele in den Buchladen seines Vertrauens oder besuche ein Online-Kaufhaus für Buchwaren. 

"KEINE KINDER SIND AUCH KEINE LÖSUNG"
BASTEI LÜBBE, 10,00 €



Ich freue mich so sehr, dass es endlich fertig ist. 
Mein Ratgeber, der letztendlich zu so viel mehr wurde. Eine humorvolle und trotzdem bitterernste Brandschrift, die unserer Generation helfen soll, hinter die Kulissen des Rechts zu blicken. Ich habe aufgeschrieben, wo ich meine, dass der Schuh drückt und wie wir ihn wieder richtig anziehen können.
Die Rente und wie sie (nicht) funktioniert, Kinder in unserer Gesellschaft, Meinungsfreiheit, Demokratie, befristete Verträge, Lohngerechtigkeit, einem überfälligen #RegrettingFatherhood, Lügen bei Bewerbungen und Kunstgriffe für den gepimpten Lebenslauf, schräge Väterbilder und unser Kampf für Hebammen und Geburtsorte, die Homo-Ehe, künstliche Befruchtungen und die absurde Politik der Krankenkassen und Internetpetitionen gegen all das, was das Internet mit unserer Körperwahrnehmung und der unserer Kinder macht.
Recht und Politik sind einfach zu verstehen und manchmal sogar lustig. Vor allem sind sie überhaupt nicht so kompliziert, wie der ein oder andere es uns glauben machen mag. Denn was eine Kleinigkeit ist, entscheiden seit Jahrhunderten diejenigen, die davon profitieren, sie zu einer Kleinigkeit zu erklären.

Ich hoffe ihr mögt es so sehr, wie es genossen habe, zu schreiben. Viele Monate am Küchentisch mit Rotwein und filterlosen Zigaretten (weil Autoren das so machen) und ausgewogener Nahrung aus TK-Baguette und Erdnüssen. Ich such' jetzt erstmal Nikotinpflaster und mache Detox.

Lasst uns zusammenhalten, bei all' dem was uns in den heutigen Zeiten entzweit, denn nichts verbindet mehr, als Komplizenschaft unter Eltern.