Mittwoch, 27. September 2017

Karriere ist nicht für jeden was. Tipps vom Experten.

Die 7 größten Irrtümer im Lebenslauf DO's and DONT'S

DON’T No. 1:
Körperliche Gebrechen im Lebenslauf verschweigen, um eine Chance auf den Job zu haben. 
 Dieser Mythos hält sich wacker: Wenn Menschen in ihren Bewerbungsunterlagen ihre kleinen und großen Wehwehchen angeben, haben sie zuweilen schlechtere Jobchancen als ihre kerngesunden Konkurrenten.

Rein rechtlich ist die Situation aber klar: Menschen mit Heuschnupfen oder Mega-Herpes müssen ihr regelmäßiges und oft tagelanges Leiden im Lebenslauf nicht angeben.  Jobsuchende sind im Vorstellungsgespräch zwar auch ungefragt nicht verpflichtet, sich dazu zu äußern. Dennoch raten Karriere-Experten ehrlich zu antworten, wenn man nach körperlichen Einschränkungen wie Migräneattacken oder das Hodenkrebsrisiko in der Familie gefragt wird. Wenn Sie dann im Gespräch glaubhaft vermitteln können, dass Ihre Medikamentenversorgung bestens geregelt ist und Sie versprechen, dass Sie alles einschmeißen was die Drogenberatung freigibt oder was sich im Darknet Medikamentenhandel auftreiben lässt, dann sind Krankheiten im Rahmen des Bewerbungsverfahrens nicht zwingend nachteilig.

 Unser Pro-Tipp: Geben Sie in Ihrem Lebenslauf ihre Krankheiten einfach an. Und wo Sie schon dabei sind doch auch gleich ob sie homo- oder heterosexuell sind, Moslem, Gastarbeitersohn, magersüchtig oder ein linksgrünversiffter Gutmensch oder FDP-Wähler. Überlegen Sie doch selbst: Wenn Ihr potenzieller Arbeitgeber schon beim Lebenslauf ein Problem mit ihren privaten Lebensentscheidungen und Werten hat  – möchten Sie dann dort überhaupt arbeiten? Suchen Sie sich lieber einen Job, der zu Ihnen und Ihren Lebensumständen passt.

 Viel Erfolg!
 ENDE der TIPPS.
Gern geschehen!

Es ist doch wahr, oder nicht? Das Leben ist eben doch ein Wunschkonzert. Man muss eben nur da hingehen, wo man willkommen ist und wo die eigene Musik spielt. Nichts leichter als das!

Zudem ist das Glück mit den Tüchtigen. das weiß jeder. Wobei als tüchtig derjenige gilt, dessen Privatleben zu den Vorstellungen der Anderen passt und der auf der glitzerfarbenen Einhornseite des Lebens geboren wurde.



  Nein, ich habe keine Drogen aus dem Darknet genommen. Ich habe Facebook. 



Das reicht manchmal aus. In meine Filterblase wurde heute genau dieser Text gepustet und seitdem puste ich in eine Tüte. Dieser Text ist auf der Karriereplattform XING erschienen. Mit einem klitzekleinen Unterschied. Man muss nur Heuschnupfen, Migräne oder Atompilzherpes durch "eigene Kinder" ersetzen, dann habt ihr den wortgleichen Artikel "Die 7 größten Irrtümer: Do's und Don‘ts beim Lebenslauf" und dort den "Mythos" unter Punkt 7: "Kinder im Lebenslauf verschweigen, um eine Chance auf den Job zu haben.“


Bei dieser unheilsschwangeren Headline grub sich meine Botox-resistente Stirnfurche zwischen den Augen gleich ein paar Millimeter tiefer.  Nachdem ich die Begründung zu Ende gelesen hatte, war ich dann so erschüttert und ganzkörperzerfurcht, dass ich Wolfgang Joop nach seinem Schönheitschirurgen fragen muss, damit man mir mein Alter nicht ansieht. Man weiß ja nie, ob einem das nicht vielleicht einen Job kosten kann. Wenn man XING -der Karriereplattform - glaubt. Karriere is' halt nicht für jeden was, nicht wahr?

 Vielleicht bekommen wir ja gemeinsam Mengenrabatt beim Faltenradierer, denn ihr könnt den mit Abstand elegantesten Aufruf zu "Scheiss auf AGG und Schutzrechte", der mir seit langem in unterkam, selbst nachlesen. (Link unten)

 Ein Mythos ist das also mit den Kindern. Soso. Kurioserweise liefert der Tipp selbst die exakte Begründung dafür, warum es eben gerade kein "Mythos" ist. Das nenne ich ein argumentatives Eigentor. Nur leider doch zum Nachteil von Anderen. Der Verfasser/in, der namentlich nicht mal angegeben ist, möchte unter dem Deckmantel von "guten Tipps" verkaufen, dass es doch halb so wild ist, wenn man im Bewerbungsgespräch nach Kriterien beurteilt werden soll, die mit der Qualifikation für einen Job null-Komma-null zu tun haben.

 Jeder der nicht eingestellt wird, weil er KEINE eigenen Kinder hat, würde auf die Barrikaden gehen. Natürlich zu Recht! Es ist nämlich eine private Lebensentscheidung, die ausnahmslos und immer diskriminierend wirkt, wenn sie im Kontext einer Stellenbesetzung eine Rolle spielen soll. Sonst könnte man die Frage ja weglassen. Nach der Farbe des Autos oder Omas Lieblingsschallplatte fragt ja auch keiner. Eine Frage nach Kindern im Haushalt oder Kinderwunsch danach also zeigt genau das: Es spielt eine Rolle.

 Ich weiß nicht, wieviele Juristen da noch gegenanschreiben sollen, aber ich sage es jetzt nochmal laut und verständlich, auch für die letzte Autoren-Blimse:

 DIE FRAGE NACH KINDERN IST IM BEWERBUNGSGESPRÄCH NICHT ERLAUBT. 


 Setzt sich ein Arbeitgeber darüber hinweg, dann handelt er rechtswidrig und das ist weder "zu verkraften", noch "legitim" noch "halb so wild" oder "irgendwie verständlich". Das ist zwar vieles im Leben, aber deswegen ist es noch lange nicht erlaubt, legal, straflos, richtig oder gerecht. Ich möchte das nicht mehr lesen in "Bewerbungstipps“.

 Es ist generell nachvollziehbar, dass ein Arbeitgeber wenig Ausfälle haben will? Ja. Absolut. 


Kenne ich. Logischerweise möchte ich also auch am liebsten ausschließlich kerngesunde Menschen einstellen, um mögliche Ausfallzeiten zu minimieren. Also sortieren wir Krankheiten doch auch gleich mit aus. Sollen die Kopfschmerzpatienten halt von Sozialhilfe leben, oder nicht? Warum also keinen Allergietest im zum Lebenslauf einfordern oder im Bewerbungsgespräch mal eben nach Schuppenflechten fragen? jemand der humpelt braucht länger auf dem Weg von der Toilette an den Arbeitsplatz und Zeit ist Geld. SO ticken wir aber im Arbeitsrecht nicht und das ist gut so.

An meinem obigen Beispiel dürfte klar werden, warum es für ein Arbeitsverhältnis bestimmte Regeln gibt. Und die gibt es auch für die Bewerberauswahl. Ein Arbeitgeber hat sich an Recht und Gesetz zu halten und es hat gute Gründe hat, warum manche Fragen generell nicht gestellt werden dürfen.

Fragen Personaler nach Kindern, so wie es der Text so freimütig formuliert, dann löst das erstmal ein Bußgeld nach dem AGG aus und nicht etwa einen "Moment der Wahrheit" wie es die Autoren gerne hätten. So ist die Rechtslage. Wie der Bewerber in diesen Momenten reagieren kann, steht auf einem anderen Blatt.

Wer von den Kindern erzählen möchte, weil es ihm wichtig erscheint, tut es. Wer das für Privatsache hält, der ist rechtlich auf der sicheren Seite. Wie bei eigener sexueller Orientierung, Religion, politischer Gesinnung oder Krankheiten auch.

 Den Ball mit dieser kruden Argumentation an das "Opfer" eines Rechtsbruches zurückzuspielen -"da wollen Sie doch gar nicht arbeiten" ist genau das, was Diskriminierungen jeglicher Couleur verfestigt, sie verharmlost, sie rechtfertigt und sie weiter und weiter gesellschaftsfähig bleiben lässt.

 Ich rate dem Autor/der Autorin zu einem Ratgeber über häusliche Gewalt. Der krude Ansatz hat doch Potential?

Tipp 1: „Umgang mit Ohrfeigen“
"Ihr Freund hat Ihnen aus Eifersucht eine geschallert, weil sie einen anderen geküsst haben? Das ist zwar unschön, aber wenn es doch passiert, erstatten Sie keine Anzeige wegen Körperverletzung. Sehen Sie es einfach positiv, nun wissen Sie Bescheid, zu was Ihr Freund so in der Lage ist. Überlegen Sie sich also am besten einfach, wo Sie einen neuen Freund herbekommen. Denn so einen wollen sie ja nicht.“

 Ich mach jetzt 'ne Gurkenmaske. 
Und male ein Mandala aus. 
Und suche eine Klangschale.
Für mein Chi.

Hier der Link zu den "Tipps" von XING

Hier der Link zu meinem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu diesem Thema

Samstag, 24. Juni 2017

Mein Tagebuch und der Datenschutz - Reloaded aus 2015

In den 90ern des vergangenen Jahrhunderts war ich Ewigkeiten circa vierzehn Jahre alt. 
Wie nahezu alle meinen pubertierenden Geschlechtsgenossinnen, schrieb ich passioniert Tagebuch. 



Bewegendes im DIN-A6 Format. Oft mit verwackelten Fotos aus der letzten 36er Filmrolle und den Duckface-Selfies der ersten Stunde illustriert. Das wahre #nofilter und #picoftheday.

Auch Gedichte über die Liebe oder den Geschmack von Wolken finden sich darin. Liedtexte über Freundschaft, Atomkraft und den Weltfrieden, wie beispielsweise mein Song "Kein Geld für Öl" mit drei Akkorden zur Gitarre aus dem April 1993. Ich vermute, dass ich mich eigentlich gegen "Krieg für Öl" aussprechen wollte, aber "Geld für Öl" hatte ich damals auch nicht, daher zählt das als Protest.

Samstag, 29. April 2017

Sexy Babysitter? Wenn, dann bitte dänisch!



shutterstock/sergey856
Wir haben die schönste Babysitterin der Welt. Attraktivität ist zwar arbeitsrechtlich kein erlaubtes Einstellungskriterium, aber sie kann ja auch keine Tüte im Gesicht tragen, damit man nicht mehr sieht, wie bezaubernd sie ist, während sie toll mit meinen Kindern umgeht.

Mein Sohn ist zumindest schwerst in sie verknallt und wird sogar manchmal rot, wenn sie unbemerkt um die Ecke schleicht. Mittlerweile darf sie ihm logischerweise auch nicht mehr mit Rat und Tat zu Seite stehen wenn er mal auf die Toilette muss. "Sie werden so schnell groß" schreit mein Mutterherz. Naja, und alle ungebundenen Herren unseres Bekanntenkreises lungern auch noch verdächtig häufig bei uns zu Hause rum, wenn unser Babysitter noch oder schon da ist, weil wir beide etwas zu tun hatten. Und das haben wir oft.

Freitag, 7. April 2017

Das neue BGH Urteil für Kinder und Computer: I LIKE!

Meine Kinder sind vermutlich nicht von mir. Sie sind in Wahrheit Aliens. 
Sie gehen nach mir ins Bett, nachts gehen sie noch drei Mal auf's Klo und sind trotzdem vor mir wieder wach. Sie überleben also schlaflos und haben trotzdem gute Laune. Nach fünf Stunden Schulunterricht und einer Stunde Schwimmkurs, den ich konditionell keinesfalls überleben würde, entspannen sie sich mit einer weiteren halben Stunde Ultimate-Cagefight auf dem Gartentrampolin und ziehen alle Kraft dafür aus einer einzigen Nährstoffquelle: Nudeln mit Butter oder Ketchup. Außerdem sind sie seit ihrer Geburt mit der erstaunlichen Fähigkeit ausgestattet, jegliche Form von Elektrosmog zuverlässig aufzuspüren. Geräte, die bunte Bilder produzieren, erschnüffeln sie über unglaubliche Distanzen hinweg. Sobald ich heimlich ein Tablet oder den Fernseher oder den PC anschalte, stehen sie plötzlich neben mir und keiner hörte sie kommen. Ich glaube sie teleportieren sich da hin. Das ist am wahrscheinlichsten. Sie kommunizieren dann auch in einer fremdartigen Aliensprache, die ungefähr so klingt:

 

"MamaDüffnwirTomUndJerrykucknMamaDüffnwirdasPonyspielspielnMamaJaMamaNurganzkurzechtjetztMamaOhMannoWirhabengesternauchnixgeschautMamaOK?"

 

So auch gestern. Ich gab klein bei und unserem Sohn das Tablet, um mir selbst fünfzehn Minuten Ruhe zu verschaffen. Jesper Juul hält mich jetzt vermutlich für einen erzieherischen Komplettversager, aber das wäre eigentlich ja nichts Neues. 

 

Leider waren es nur sieben Minuten Ruhe, denn dann stand der Grundschüler wieder neben mir und wollte gerne mal eben meine Kreditkartendaten haben. Er wolle damit "Quallensaft" für 25 Euro kaufen, sagte er.

Nun gut. Ich habe meine Kreditkarte schon für weitaus absurdere Produkte mit hohen Beträgen belastet, aber da hatte ich immerhin schon ein eigenes Einkommen. Quallensaft, so erklärte er mir, bräuchte er dringend um schnell ein Krankenhaus bauen zu können. Humanitäre Hilfe kann man gar nicht früh genug unterstützen, aber hier hatte ich schon arge Zweifel, dass es sich um ein seriöses Entwicklungshilfeprojekt handelt. Ich lag richtig. Es ging um ein Krankenhaus ganz tief im Meer, es gehört Spongebob Schwammkopf und es steht in einem Onlinespiel. Virtueller Quallensaft für echtes Geld beschleunigt die Bauzeit des Gebäudes, erfahre ich von ihm und er bettelt um echtes Geld. Damit verdienen die Spieleerfinder Geld und strapazieren dafür die Geduld der Nutzer. Mein Sohn ist offenbar auch so ein "User" und ich löschte das Spiel unbarmherzig. Auch sein Taschengeld durfte er nicht für virtuelle Scheiße wie diese ausgeben. Seitdem hasst er mich und ich kann ihn verstehen. 

 

Ich selbst habe mein gesamtes Taschengeld vor 25 Jahren in Stoff-Sticker investiert, die ich in einem kitschigen Album sammelte und mit meiner ganzen Klasse tauschte. Ich war auf "Stoffherzen" spezialisiert, meine Freundin Sita auf "Stoff-Koalas" und unsere Eltern schüttelten täglich den Kopf, wie kleine Wackeldackel, ließen uns aber gewähren. Auch das BGB gab mir die Möglichkeit, ohne das vorherige Einverständnis meiner Eltern, ein rechtswirksames Geschäft abzuschließen. Das steht nämlich im BGB in seinem berühmten "Taschengeldparagraphen" in § 110. Kauft ein Kind etwas von seinem "eigenen" Geld, auch etwas Teures, so geht der Gesetzgeber davon aus, dass die Eltern mit dem Geschäft einverstanden sind und das Geschäft ist wirksam. Meine Eltern hätten damals aber auch handeln können wie ich mit den Quallen und mir den Kauf von so etwas von vorneherein verbieten können. Dann ist das Geschäft nicht wirksam, obwohl das Kind es aus eigenen Mitteln bestritten hat. Taschengeld hilft den Kindern also nicht gegen den Willen der Eltern, sondern soll nur Rechtsgeschäfte erleichtern, die von den Eltern durch Taschengeld-Zahlungen mutmaßlich abgesegnet sind.

 

Warum erzähle ich Euch das? Der BGH hat mal wieder gesprochen (Az III ZR 368/16) und es gefällt mir sehr gut, was er sagt. 

 

Ein dreizehnjähriger Junge hatte sich 2016 ein kostenloses Computerspiel heruntergeladen und im Verlauf den Spiels wurden ihm kostenpflichtige Zusatzoptionen angeboten, die er entweder mit Kreditkarte oder auch über das Telefon mit einer 0900er Nummer bezahlen konnte. In Ermangelung einer eigenen Kreditkarte griff der Teenager zum Telefon. Dreizehn Mal. Er brauchte er gar keine PINS oder TANS oder Bankdetails. Es reichte anzurufen und dann wurde das Geld einfach auf die Telefonrechnung gebucht. 1.250,00 Euro waren das. Die wollte die Mutter nicht bezahlen. Zu Recht sagte der BGH und zu Recht finde auch ich. Schon früher hatte sich der BGH mal zu diesen In-App-Käufen geäußert und eingeschränkt, wie die Anbieter dafür werben dürfen, damit nicht Kinder gezielt in diese Falle tappen. Direkte Formulierungen die zum Kauf aufrufen sind seitdem verboten.

 

Nun hat der BGH nochmal Tacheles geredet und spricht damit nicht nur Eltern an, sondern jeden, dessen Telefonanschluss für etwas benutzt wird, was er selbst nicht autorisiert hat. Nutzt also jemand ohne unsere Erlaubnis einen Dienst wie den beschriebenen, dann haftet nicht der Anschlussinhaber, sondern der Dienstleister, der dieses Geschäft abgewickelt hat, ohne Sicherheitsstufen einzubauen. So leicht will man es also den 0900er Nummern nicht machen. 

Ich begrüße das.

 

Wer dieses Ärger von vorneherein vermeiden will, redet mit den Kindern über den verantwortungsvollen Umgang mit Onlinespielen. Wer noch kleine Kinder hat, die trotzdem mal ein Tablet-Spiel spielen dürfen, der schaut sich das Spiel vorher ganz genau an. Sogenannte In-App-Käufe kann man oft extra mit einem Passwort schützen oder ein Limit setzen, bis zu welcher Höhe sie erlaubt sein sollen.

 

Hätte der Teenager übrigens das gemacht, was ich zunächst als teenagertypisch vermutet hatte, nämlich eine Sexhotline angerufen, dann wäre das Urteil anders ausgegangen. Hier wird schon während des Gesprächs eine Gegenleistung erbracht, die können Eltern dann nicht mehr widerrufen. 

 

Aber welcher Teenager macht das in den Zeiten des Internets noch. Hierzu findet ihr mehr in meinem Buch in dem Kapitel Internetpetition zur Abschaffung des Internets, inwelchem ich mich mit dem barrierefreien Zugang zu filmischen Meisterwerken wie Besen im Arsch 7 beschäftige und wie wenig ich das gut heiße. Im Klassenzimmer. Im Schulbus. Im Teenagerzimmer. 

 

So. Ich belaste nun meine Kreditkarte mit etwas Sinnvollem. Augencreme mit Meeresalgenextrakt zum Beispiel.

Mittwoch, 15. März 2017

Es ist Zeit für Komplizenschaft unserer Generation: Mein Buch dazu.

Keine Kinder sind auch keine Lösung.
BASTEI LÜBBE
- DER PROLOG -



Ich sitze an einem lauen Sommerabend in einem Biergarten. Um mich rum tummeln sich Freundinnen und Freunde und der kleine KarlVor mir steht ein beeindruckendes Weizenbier mit Grapefruitgeschmack. Ich rauche eine halbe Zigarette und trage dabei einen Sonnenhut im SonnenuntergangSo schmeckt die Freiheit. Ich bin die Marlboro-Mann-Werbung, nur ohne Pferd und ist herrlich schwindelig. Der Bürotag war lang bisher, nun soll er bitte noch ein bisschen länger dauern. Nur ohne Büro.
Ich mache ein optimal ausgeleuchtetes Selfie mit meinem Keine-Falten-Filter und schicke es an meine Mutter. Meine Kinder liegen heute mal bei Oma und Opa im Bett, trinken Apfelsaft pur und hören die zwölfte Gute-Nacht-Geschichte. Meine Mutter macht sofort ein komplett verwackeltes Selfie von sich und den Kindern und schickt es fünfmal hintereinander an meinen Mann. Der ist im Fußballstadion, trinkt Bier pur und fällt fremden Männern in die Arme,sobald ein anderer fremder Mann ein Tor schießt. Mein Mann macht ein Foto von seiner Bratwurst und schickt es an mich. 
Alle sechs Familienmitglieder sind in diesem Moment sehr zufrieden,und zumindest zwei von ihnen etwas betrunken. 

What a wonderful world.

Da schiebt sich ein Schatten vor die Sonne. Ein Herr mit ergrautem Haupthaar erhebt sich von der Bierbank und gleichzeitig seine sonore Stimme. Er spricht zu mir. Glaube ich zumindest.

Was, zum Teufel, stimmt eigentlich nicht mit Ihnen?

Vermutlich geht’s euch jungen Frauen einfach zu gut. Im Ernst, ihr jungen Leute habt doch genug Geld, mit euren Smartphones und euren Fitnessarmbändern. Ihr seid die Erbengeneration. Ihr habt einen Abschluss. Ihr habt einen Job. Ihr Frauen werdet sogar bei „gleicher Eignung bevorzugt eingestellt“ und niemand darf euch „jung“ oder „naiv“ oder „dick“ oder „doof“ nennen. Das ist doch geradezu ideal, oder nicht? Und was macht ihr? Ihr tretet in einen beleidigten Gebärstreik! 
Ihr könnt euch im Internet durch die Parameter eurer Elitepartner tindern und „Matches“ ausloten, bevor ihr eure virtuellen Herzchen verteilt. Heutzutage könnt ihr sogar heiraten,wen und wann ihr wollt. Frauen können Frauen und Männer können Männer lebenspartnern. Zwar fehlen denen die Spermien oder wahlweise die Gebärmütter für die einzig sinnvolle Folge des Treueschwurs, der Fortpflanzung, aber ihr dürft es eben trotzdem.

Meine Freundin Klara gegenüber lässt verschämt ihr Handy sinken. Gerade hatten wir übereinstimmend einem Simon (36) aus Hamburg, der über einen niedlichen Welpen und einen Hundeblick verfügt, ein fettes SUPERLIKE auf Tinder gegeben. Er hat einem Date zugesagt. Morgen hat Klara ihren „freien“ Tag mit ihrem Baby. Wie übrigens jeden Tag derzeit. Sie sucht verzweifelt einen Job. 
Der Mann ramentert weiter.



Vor der Geburt bekommt ihr Kündigungsschutz, nach der Geburt bekommt ihr wochenlang euer altes Gehalt, die Papas ein paar lässige Vätermonate und dann gibt‘s monatelang steuerfinanziertes Elterngeld noch obendrauf. Tausende von Euro. Ganz ohne Arbeit. Geschenkt. Vom Steuerzahler. Den Antrag stellt ihr bequem online von der Couch aus. Natürlich nachdem ihr euer von der Krankenkasse gesponsertes Reagenzglaskind in einem hochtechnisierten Kreißsaal geboren und euch im Anschluss im Familienzimmer mit einem Exemplar der „neuen Vätergeneration“ von den Strapazen der gemeinsamen Wassergeburt erholt habt. Euer Chef muss euch sogar den Arbeitsplatz freihalten, bis ihr aufgehört habt, in der Öffentlichkeit unkontrolliert herumzustillen und daheim Bio-Pastinake einzukochen und laut zu jammern, wie wenig „Wertschätzung“ ihr bekommt
Langweilig geworden zu Hause? Ganz spontan könnt ihr dann bei eurem Chef anrufen und verkünden, dass ihr endlich wieder was Richtiges arbeiten wollt. Aber zu kinderfreundlichen Zeiten, bitteschön. Vollzeit ist euch unangenehm? Ihr könnt euch eine befristete Teilzeitstelle vor dem Arbeitsgericht einklagen, egal ob es der Firma schadet oder nicht. „Eltern First“ - das habt ihr kapiert. Falls der passende, steuerfinanzierte Krippenplatz nicht da ist, klagt ihr den vor dem Verwaltungsgericht auch noch ein und fordert zusätzlich, dass der kostenlos ist. Ja klar! Sollen die anderen zahlen, eure Kinderlein. Ach ja, das Ganze gespickt mit einem Schadenersatzanspruch gegen Vater Staat, weil’s alles so lange gedauert hat und ihr nicht arbeiten konntet. Darf es sonst noch was sein? Homeoffice vielleicht? Ein Spaziergang durch alle Instanzen und dabei schreit ihr ganz laut „Diskriminierung!“. Ihr seid doch selbst Schuld. Kein Gesetz diskriminiert euch, und jetzt ist auch langsam mal gut. Leistet mal was. Wir haben uns auch nicht so angestellt. Früher ging es auch.

Ein leises, aber schrilles Klingeln macht sich in meinem Ohr breit. 
Ich hatte einen langen Tag voller solcher schönen Spaziergänge durch verschiedene Instanzen. 
Mir tun die Füße weh. 

Ihr habt ein Recht auf wochenlangen Mutterschutz, Kleinkindbetreuung und diskriminierungsfreie Arbeitsplätze.Ihr bekommt auf Wunsch ein eigenes Familienabteil im ICE mit extra Stellplatz für euren Bugaboo-Kinderwagen-Porsche und dreieckige Buntstifte für den ergonomischen Griff der kleinen LieblingsfingerchenAuf dem Weg ins Familienhotel in Oberösterreich bestellt ihr im Speisewagen einen „Piratenteller“ mit glutenfreier Kinderkartoffel, die natürlich auf den Boden fällt. Die kleinen Lieblinge müssen sich frei entfalten, nicht wahr? Auch in Restaurants.



Huch! Da bringt der Kellner das Biene-Maja-Schnitzel vom kleinen Karl. Der spielte mit dem Handy seines Vaters seit einer halben Stunde ein Tiergeräusche-Memory am Tisch. Bis gerade eben war „Wie macht die Grille?“ noch das unangenehmste Hintergrundgeräusch.

Herrgott noch mal, da träumen die jungen Leute in anderen Ländern doch davon. Die sind nicht so privilegiert wie ihr hier in Deutschland. Und was machen die?

Die. kriegen. Kinder.

Ihr nicht. Ihr bedroht unseren Wohlstand, ihr EgozockerDie jungen Deutschen bekommen die wenigsten Kinder. Weltweit! Ich hab jetzt fünfunddreißig Jahre lang in Vollzeit durchgebuckelt. Ich hab mir meine Rente erarbeitet. Ich habe was geleistet im Leben. Hört auf zu heulen, wir haben auch nicht geheult, sondern einfach gemacht. 
Was, zum Teufel, stimmt eigentlich nicht mit euch?

Ob seiner harschen Worte senkt sich unweigerlich mein Blick und ich schaue verlegen und verunsichert auf meine Füße.

Sie stecken in zwei klumpigen, blauen Plastiksäcken mit Gummizug. Seit fünf Stunden trage ich offenbar noch die Schmutzüberzieher aus dem Kindergarten über meinen Pumps und keiner hat es mir gesagt.

Ich atme ein und aus. Ein und aus. Fassungslos starre ich den Mann an, der so viel Meinung bei so wenig Ahnung zu haben scheint. Ich trauere um meinen feierabendlichen Seelenfrieden im Sonnenuntergang. Der Typ hat mir meinen rosawolkigen Geschmack von Freiheit kaputtgeschimpft. Ungebeten und echt laut. Da beginnt mein Mittelfinger zu zucken, bleibt aber ganz ladylike dort, wo er ist. Ich kenne den Mann! Er ist das, was passiert, wenn Kommentarspalten aus dem Internet plötzlich lebendig werden.

Noch an diesem Abend klappe ich meinen Computer auf und mache mich bereit zu der längsten Replik, die jemand mit Mülltütenfüßen jemals geschrieben hat und sie beginnt mit


F*** YOU VERY MUCH...


So. 
Wer Lust hat weiterzulesen, der wandele in den Buchladen seines Vertrauens oder besuche ein Online-Kaufhaus für Buchwaren. 

"KEINE KINDER SIND AUCH KEINE LÖSUNG"
BASTEI LÜBBE, 10,00 €



Ich freue mich so sehr, dass es endlich fertig ist. 
Mein Ratgeber, der letztendlich zu so viel mehr wurde. Eine humorvolle und trotzdem bitterernste Brandschrift, die unserer Generation helfen soll, hinter die Kulissen des Rechts zu blicken. Ich habe aufgeschrieben, wo ich meine, dass der Schuh drückt und wie wir ihn wieder richtig anziehen können.
Die Rente und wie sie (nicht) funktioniert, Kinder in unserer Gesellschaft, Meinungsfreiheit, Demokratie, befristete Verträge, Lohngerechtigkeit, einem überfälligen #RegrettingFatherhood, Lügen bei Bewerbungen und Kunstgriffe für den gepimpten Lebenslauf, schräge Väterbilder und unser Kampf für Hebammen und Geburtsorte, die Homo-Ehe, künstliche Befruchtungen und die absurde Politik der Krankenkassen und Internetpetitionen gegen all das, was das Internet mit unserer Körperwahrnehmung und der unserer Kinder macht.
Recht und Politik sind einfach zu verstehen und manchmal sogar lustig. Vor allem sind sie überhaupt nicht so kompliziert, wie der ein oder andere es uns glauben machen mag. Denn was eine Kleinigkeit ist, entscheiden seit Jahrhunderten diejenigen, die davon profitieren, sie zu einer Kleinigkeit zu erklären.

Ich hoffe ihr mögt es so sehr, wie es genossen habe, zu schreiben. Viele Monate am Küchentisch mit Rotwein und filterlosen Zigaretten (weil Autoren das so machen) und ausgewogener Nahrung aus TK-Baguette und Erdnüssen. Ich such' jetzt erstmal Nikotinpflaster und mache Detox.

Lasst uns zusammenhalten, bei all' dem was uns in den heutigen Zeiten entzweit, denn nichts verbindet mehr, als Komplizenschaft unter Eltern.