Mittwoch, 27. September 2017

Karriere ist nicht für jeden was. Tipps vom Experten.

Die 7 größten Irrtümer im Lebenslauf DO's and DONT'S

DON’T No. 1:
Körperliche Gebrechen im Lebenslauf verschweigen, um eine Chance auf den Job zu haben. 
 Dieser Mythos hält sich wacker: Wenn Menschen in ihren Bewerbungsunterlagen ihre kleinen und großen Wehwehchen angeben, haben sie zuweilen schlechtere Jobchancen als ihre kerngesunden Konkurrenten.

Rein rechtlich ist die Situation aber klar: Menschen mit Heuschnupfen oder Mega-Herpes müssen ihr regelmäßiges und oft tagelanges Leiden im Lebenslauf nicht angeben.  Jobsuchende sind im Vorstellungsgespräch zwar auch ungefragt nicht verpflichtet, sich dazu zu äußern. Dennoch raten Karriere-Experten ehrlich zu antworten, wenn man nach körperlichen Einschränkungen wie Migräneattacken oder das Hodenkrebsrisiko in der Familie gefragt wird. Wenn Sie dann im Gespräch glaubhaft vermitteln können, dass Ihre Medikamentenversorgung bestens geregelt ist und Sie versprechen, dass Sie alles einschmeißen was die Drogenberatung freigibt oder was sich im Darknet Medikamentenhandel auftreiben lässt, dann sind Krankheiten im Rahmen des Bewerbungsverfahrens nicht zwingend nachteilig.

 Unser Pro-Tipp: Geben Sie in Ihrem Lebenslauf ihre Krankheiten einfach an. Und wo Sie schon dabei sind doch auch gleich ob sie homo- oder heterosexuell sind, Moslem, Gastarbeitersohn, magersüchtig oder ein linksgrünversiffter Gutmensch oder FDP-Wähler. Überlegen Sie doch selbst: Wenn Ihr potenzieller Arbeitgeber schon beim Lebenslauf ein Problem mit ihren privaten Lebensentscheidungen und Werten hat  – möchten Sie dann dort überhaupt arbeiten? Suchen Sie sich lieber einen Job, der zu Ihnen und Ihren Lebensumständen passt.

 Viel Erfolg!
 ENDE der TIPPS.
Gern geschehen!



Es ist doch wahr, oder nicht? Das Leben ist eben doch ein Wunschkonzert. Man muss eben nur da hingehen, wo man willkommen ist und wo die eigene Musik spielt. Nichts leichter als das!

Zudem ist das Glück mit den Tüchtigen. das weiß jeder. Wobei als tüchtig derjenige gilt, dessen Privatleben zu den Vorstellungen der Anderen passt und der auf der glitzerfarbenen Einhornseite des Lebens geboren wurde.



  Nein, ich habe keine Drogen aus dem Darknet genommen. Ich habe Facebook. 



Das reicht manchmal aus. In meine Filterblase wurde heute genau dieser Text gepustet und seitdem puste ich in eine Tüte. Dieser Text ist auf der Karriereplattform XING erschienen. Mit einem klitzekleinen Unterschied. Man muss nur Heuschnupfen, Migräne oder Atompilzherpes durch "eigene Kinder" ersetzen, dann habt ihr den wortgleichen Artikel "Die 7 größten Irrtümer: Do's und Don‘ts beim Lebenslauf" und dort den "Mythos" unter Punkt 7: "Kinder im Lebenslauf verschweigen, um eine Chance auf den Job zu haben.“


Bei dieser unheilsschwangeren Headline grub sich meine Botox-resistente Stirnfurche zwischen den Augen gleich ein paar Millimeter tiefer.  Nachdem ich die Begründung zu Ende gelesen hatte, war ich dann so erschüttert und ganzkörperzerfurcht, dass ich Wolfgang Joop nach seinem Schönheitschirurgen fragen muss, damit man mir mein Alter nicht ansieht. Man weiß ja nie, ob einem das nicht vielleicht einen Job kosten kann. Wenn man XING -der Karriereplattform - glaubt. Karriere is' halt nicht für jeden was, nicht wahr?

 Vielleicht bekommen wir ja gemeinsam Mengenrabatt beim Faltenradierer, denn ihr könnt den mit Abstand elegantesten Aufruf zu "Scheiss auf AGG und Schutzrechte", der mir seit langem in unterkam, selbst nachlesen. (Link unten)

 Ein Mythos ist das also mit den Kindern. Soso. Kurioserweise liefert der Tipp selbst die exakte Begründung dafür, warum es eben gerade kein "Mythos" ist. Das nenne ich ein argumentatives Eigentor. Nur leider doch zum Nachteil von Anderen. Der Verfasser/in, der namentlich nicht mal angegeben ist, möchte unter dem Deckmantel von "guten Tipps" verkaufen, dass es doch halb so wild ist, wenn man im Bewerbungsgespräch nach Kriterien beurteilt werden soll, die mit der Qualifikation für einen Job null-Komma-null zu tun haben.

 Jeder der nicht eingestellt wird, weil er KEINE eigenen Kinder hat, würde auf die Barrikaden gehen. Natürlich zu Recht! Es ist nämlich eine private Lebensentscheidung, die ausnahmslos und immer diskriminierend wirkt, wenn sie im Kontext einer Stellenbesetzung eine Rolle spielen soll. Sonst könnte man die Frage ja weglassen. Nach der Farbe des Autos oder Omas Lieblingsschallplatte fragt ja auch keiner. Eine Frage nach Kindern im Haushalt oder Kinderwunsch danach also zeigt genau das: Es spielt eine Rolle.

 Ich weiß nicht, wieviele Juristen da noch gegenanschreiben sollen, aber ich sage es jetzt nochmal laut und verständlich, auch für die letzte Autoren-Blimse:

 DIE FRAGE NACH KINDERN IST IM BEWERBUNGSGESPRÄCH NICHT ERLAUBT. 


 Setzt sich ein Arbeitgeber darüber hinweg, dann handelt er rechtswidrig und das ist weder "zu verkraften", noch "legitim" noch "halb so wild" oder "irgendwie verständlich". Das ist zwar vieles im Leben, aber deswegen ist es noch lange nicht erlaubt, legal, straflos, richtig oder gerecht. Ich möchte das nicht mehr lesen in "Bewerbungstipps“.

 Es ist generell nachvollziehbar, dass ein Arbeitgeber wenig Ausfälle haben will? Ja. Absolut. 


Kenne ich. Logischerweise möchte ich also auch am liebsten ausschließlich kerngesunde Menschen einstellen, um mögliche Ausfallzeiten zu minimieren. Also sortieren wir Krankheiten doch auch gleich mit aus. Sollen die Kopfschmerzpatienten halt von Sozialhilfe leben, oder nicht? Warum also keinen Allergietest im zum Lebenslauf einfordern oder im Bewerbungsgespräch mal eben nach Schuppenflechten fragen? jemand der humpelt braucht länger auf dem Weg von der Toilette an den Arbeitsplatz und Zeit ist Geld. SO ticken wir aber im Arbeitsrecht nicht und das ist gut so.

An meinem obigen Beispiel dürfte klar werden, warum es für ein Arbeitsverhältnis bestimmte Regeln gibt. Und die gibt es auch für die Bewerberauswahl. Ein Arbeitgeber hat sich an Recht und Gesetz zu halten und es hat gute Gründe hat, warum manche Fragen generell nicht gestellt werden dürfen.

Fragen Personaler nach Kindern, so wie es der Text so freimütig formuliert, dann löst das erstmal ein Bußgeld nach dem AGG aus und nicht etwa einen "Moment der Wahrheit" wie es die Autoren gerne hätten. So ist die Rechtslage. Wie der Bewerber in diesen Momenten reagieren kann, steht auf einem anderen Blatt.

Wer von den Kindern erzählen möchte, weil es ihm wichtig erscheint, tut es. Wer das für Privatsache hält, der ist rechtlich auf der sicheren Seite. Wie bei eigener sexueller Orientierung, Religion, politischer Gesinnung oder Krankheiten auch.

 Den Ball mit dieser kruden Argumentation an das "Opfer" eines Rechtsbruches zurückzuspielen -"da wollen Sie doch gar nicht arbeiten" ist genau das, was Diskriminierungen jeglicher Couleur verfestigt, sie verharmlost, sie rechtfertigt und sie weiter und weiter gesellschaftsfähig bleiben lässt.

 Ich rate dem Autor/der Autorin zu einem Ratgeber über häusliche Gewalt. Der krude Ansatz hat doch Potential?

Tipp 1: „Umgang mit Ohrfeigen“
"Ihr Freund hat Ihnen aus Eifersucht eine geschallert, weil sie einen anderen geküsst haben? Das ist zwar unschön, aber wenn es doch passiert, erstatten Sie keine Anzeige wegen Körperverletzung. Sehen Sie es einfach positiv, nun wissen Sie Bescheid, zu was Ihr Freund so in der Lage ist. Überlegen Sie sich also am besten einfach, wo Sie einen neuen Freund herbekommen. Denn so einen wollen sie ja nicht.“

 Ich mach jetzt 'ne Gurkenmaske. 
Und male ein Mandala aus. 
Und suche eine Klangschale.
Für mein Chi.

Hier der Link zu den "Tipps" von XING

Hier der Link zu meinem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu diesem Thema

Kommentare:

  1. Sehr nachvollziehbar erklärt, danke dafür! Wahrscheinlich werde ich mir das mit dem Porzellangeschirr meiner Oma merken und sollte ich mal in einem Beserbungsgespräch darauf angesprochen werden, dann hab ich gleich eine Antwort parat: "Und als nächstes Fragen Sie mich nach der Farbe des Porzellangeschirrs meiner Oma? Die Frage hätte nämlich das selbe Nivel an Relevaz für die Stelle..." oder so ähnlich. Aber was genau heißt das jetzt eigentlich: Kind in den CV ja oder nein? 🤔 mir scheint, als würde es darauf kein Ja oder Nein geben. Lieben Gruß aus Mexiko, Josi

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  2. Rein vom rechtlichen Standpunkt kann ich es ja verstehen, aber irgendwie käme ich mir komisch dabei vor mein Kind "zu verstecken". Außerdem ergeben sich doch dadurch meist auch andere Kompetenzen. Und in unserem Unternehmen (klein, familiär) gab es den Fall, dass sich eine Mutter auf eine Vollzeitstelle beworben hat, das Kind war nicht im CV angegeben, es wurde auch in zwei Vorstellungsgesprächen nicht erwähnt. Aber als an die Vertragsverhandlungen ging, kam raus, es gibt das Kind und sie kann nur Teilzeit arbeiten. Ist das dann richtig? Ich hätte in diesem Fall übrigens auf die Einstellung verzichtet...

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    1. Wer sich auf eine Vollzeitstelle bewirbt,sollte auch Vollzeit arbeiten können. Oder vorher telefonisch anfragen ob die Stelle auch in Teilzeit zu haben ist. Da hast du Recht, das ist nicht in Ordnung. Recht auf TZ gibt es übrigens erst nach 6 Monaten und in betrieben mit mehr als 15 Mitarbeitern!

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  3. liebe mama, klasse text, die überschrift irritiert mich, geht es um jeden oder um jede, bist du ein experte oder eine expertin?

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  4. Bin voll bei dir, danke für den tollen Artikel!! Im Einzelfall kann es aber schwierig sein, die Kinder im Lebenslauf nicht zumindest mittelbar auftauchen zu lassen. Mein Beispiel: 2 Kinder in der dreijährigen Elternzeit bekommen. Hauptarbeitgeber in der gesamten Zeit und vorher und nachher derselbe. Zwischen den Schwangerschaften aber Teilzeit bei einem anderen Arbeitgeber gearbeitet, mit Bewilligung des Hauptarbeitgebers. Wenn ich im Lebenslauf beide Arbeitgeber zeitlich parallel angebe, werde ich Nachfragen ernten. Wenn ich die Zeiten splitte, ist es von arbeitsvertraglichen nicht ganz korrekt. Während der Teilzeit war ich ja auch noch beschäftigt beim Hauptarbeitgeber, bloß in Elternzeit. Außerdem wird das beim Blick ins Zeugnis spätestens offensichtlich.
    Ich habe für mich noch keine ideale umgangsweise dafür gefunden. Denn grundsätzlich will ich im Bewerbungsgespräch nicht über meine Familie sprechen.
    Beste Grüße
    Rike aus Hamburg

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    1. In einem Buch, das ich gerade lese (keine Kinder sind auch keine Lösung), steht auf S. 77, dass man angeben kann, sich um einen pflegebedürftigen Angehörigen gekümmert zu haben. Oder eben um zwei.

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    2. Hach das Buch kenn ich ;) ein SEHR gutes Buch. ;)

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  5. 1a. Danke Juramama.
    Wie diskriminierend wirkende Mythen sich weiter vererben und am Leben erhalten.

    Wers wissen möchte - und auch wenn du da das nicht gebrauchen möchtest, andere brauchen es:
    Wer nach Kinderwunsch oder Schwangerschaft (also unzulässige Fragen) gefragt wird, der braucht nicht wahrheitsgemäß antworten.

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