Samstag, 29. April 2017

Sexy Babysitter? Wenn, dann bitte dänisch!



shutterstock/sergey856
Wir haben die schönste Babysitterin der Welt. Attraktivität ist zwar arbeitsrechtlich kein erlaubtes Einstellungskriterium, aber sie kann ja auch keine Tüte im Gesicht tragen, damit man nicht mehr sieht, wie bezaubernd sie ist, während sie toll mit meinen Kindern umgeht.

Mein Sohn ist zumindest schwerst in sie verknallt und wird sogar manchmal rot, wenn sie unbemerkt um die Ecke schleicht. Mittlerweile darf sie ihm logischerweise auch nicht mehr mit Rat und Tat zu Seite stehen wenn er mal auf die Toilette muss. "Sie werden so schnell groß" schreit mein Mutterherz. Naja, und alle ungebundenen Herren unseres Bekanntenkreises lungern auch noch verdächtig häufig bei uns zu Hause rum, wenn unser Babysitter noch oder schon da ist, weil wir beide etwas zu tun hatten. Und das haben wir oft.

Zum Beispiel ist ständig Elternabend. 

Gefühlt müssen wir auf ca. 26 Elternabende die Woche. Nicht nur die Schule und der Kindergarten, sondern auch alle Sing-, Klatsch-, Tanz- und Turnvereine, in die wir unsere Kinder gesteckt haben, laden zu einem gemütlichen Beisammensein ein, um die Zukunft der Kinder, die jüngere Vergangenheit und die Gegenwart adäquat aufzuarbeiten. Wirklich schlimm sind nur die Abende, an denen Eltern erschöpfend den Inhalt aller Kinder-Frühstücksboxen diskutieren müssen, nur weil die Lena-Emma-Sophia eine Nussallergie hat. Oder über den maximal akzeptablen Härtegrad von Knete abstimmen, nicht ohne zuvor darüber abgestimmt zu haben, ob sie darüber abstimmen sollen. 

Mitlesende Eltern von Kindern im Grundschulalter wissen vermutlich wovon ich spreche. #youfeelmypain

Kinder von Menschen betreuen zu lassen, die nicht ihre Mütter (oder Väter) sind, ist bekanntlich hierzulande aber kostenpflichtig und auf Dauer richtig teuer.

Steuerlich absetzbar? Reicht das?

Kinderbetreuungskosten sind in Deutschland derzeit steuerlich absetzbar bis zu einem Höchstbetrag von 4000€ pro Kind pro Jahr. Steuerlich absetzbar heißt übrigens nicht, dass man den Betrag erstattet bekommt. Es bedeutet nur, dass sich der Betrag verringert, für den man dem Staat monatlich/jährlich seine Steuern schuldet. Wer eh' nicht gut verdient, hat von dem Argument "Sie können die Kosten ja absetzen" wenig bis gar nix. 

Zu den derzeit absetzbaren Kinderbetreuungskosten zählen nicht nur die KiTa- und Hortgebühren, die Eltern leider immer noch zahlen müssen um arbeiten gehen zu dürfen. Auch Kosten für einen Babysitter oder eine Nanny sind absetzbar. Diese Ausgaben muss man dem Finanzamt allerdings immer mit einer Rechnung nachweisen, also fallen die typischen "Passt Du heute Abend mal spontan auf die Kids auf -Nachbarstochter-Babysitter" mangels Rechnung aus der steuerlichen Absetzbarkeit meist raus. Oma und Opa natürlich auch, aber die machen das auch umsonst. Wenn aber Oma oder Opa aufpassen, im Rahmen von familiären Gefälligkeiten (also auch Tanten und Onkel), kann man ihnen die Fahrtkosten zu den Enkeln bezahlen und diesen Betrag dann von der Steuer absetzen. So entschied das Baden-Württembergische Finanzgericht (AZ 4 K 3278/11). Also her mit den Rechnungen vom Oma!

Achtung, hier kommen die Dänen!

Ich möchte hier aber auf etwas raus was derzeit im Rahmen einer Reform zur Kinderbetreuung in Dänemark eingeführt werden soll und was ich ganz großartig finde.

Der dänische Gesetzgeber möchte nämlich einen Zuschuss für einen Babysitter bezahlen, wenn Eltern berufsbedingt die Oma, den Onkel oder einen Freund als Babysitter beschäftigen, weil die KiTa-Öffnungszeit mit ihren Arbeitszeiten kollidiert. Wenn beide Eltern früh morgens, abends oder nachts arbeiten, hat die KiTa zu und keiner versorgt die Kids. Das betrifft Menschen die in Kliniken und Heimen arbeiten, Zug-Bus-Taxipersonal, Gastronomie und Hotellerie...ach, die Liste ist endlos. Dazu sind das in der Mehrheit Branchen, in denen viele in ganzen Monat das verdienen, was das Frühstücksbuffetts der Vorstandssitzung jeden Dienstag kostet. In Dänemark wie in Deutschland. Da rockt ein Zuschuss, nicht die Absetzbarkeit.

Auch hier in Deutschland arbeiten viele Menschen außerhalb der  gängigen Kinderbetreuungszeiten. Die Zahl der Arbeitnehmer*innen die Abends arbeiten hat sich in den in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt von 15% auf über 24 %. Auch die Nachtarbeitsquote stieg an. 

Und hier kommen wir. 

Wir in Deutschland haben in diesem Zusammenhang politisch die (je nach Bundesland kostenpflichtige) 24-Stunden-KiTa diskutiert. Eine Verpflichtung für die Länder eine solche KiTa überall bereitzustellen, gibt es aber nicht. Das zudem unschöne Gefühl, das eigene Kind bis 23 Uhr in eine Betreuungseinrichtung geben zu müssen, kann sich jeder vorstellen. Wenn das Kind stattdessen zu Hause zu Abend essen oder schlafen kann, versuchen Eltern alles, um das zu ermöglichen und schmeissen ihr Netzwerk aus Verwandtschaft und Freunden an. Die hat aber nicht jeder und auch die müssen oft selbst arbeiten.
Oder sie haben eben keine Lust unentgeltlich Leberwurstreste vom Sofa zu kratzen. 

Warum nicht auch bei uns wie in Dänemark und das flächendeckend? Warum ist das Thema bei uns so schwer? 
Kinderbetreuungskosten sind in Deutschland Ländersache und gehören somit zu den Dingen, die sich Bund und Länder unendlich hin- und herschieben können. Vereinfacht gesprochen, sagen die Länder: "Wir haben die Kohle dafür nicht." Der Bund sagt: "Wir haben vielleicht die Kohle, wir dürfen es aber verfassungsrechtlich aber nicht ausgeben. Wir haben ja gesehen was mit dem Betreuungsgeld passiert ist" (hier meine Erklärung dazu). In der Folge passiert seit Jahren: Nichts. Wir sind bis dato nur gut darin das Problem einfach weiter zu bewundern, anstatt eine mutige oder kreative Lösung anzubieten. Die Eltern haben nämlich beides nicht: Kohle oder Gesetzgebungskompetenz. 

Wo geht das Geld hin?

Natürlich kostet das Steuergeld. Aber genau da gehört das Geld eben auch hin. Zu den Familien, die dazu auch noch berufstätig sind und damit die Gesellschaft in jeglicher Hinsicht tragen und Steuern bezahlen. Die Tatsache, dass nur Eltern ihren Lohn dafür ausgeben müssen, um überhaupt zur Arbeit gehen können, ist absurd. Die 8,50 Euro Mindestlohn kann die Kellnerin nämlich gleich an den Babysitter durchreichen, der das rechtlich ebenfalls verdienen muss. Denn wer einen Babysitter regelmäßig braucht, ist aus der "Gefälligkeit" raus und macht sich der Steuerhinterziehung schuldig, wenn er ihn schwarz bezahlt. 
Hier macht ein Zuschuss also durchaus Meter und eine Menge Sinn. Deutlich mehr als eine steuerliche Absetzbarkeit.

Die Berliner sind da schon ganz fortschrittlich-halb-dänisch und bezuschussen einen Nanny-Service durch den Senat. Mega! Warum nicht überall und auch außerhalb eines Nanny-Services? Das gibt es nur in großen Städten.

Alleinerziehende sind (nicht nur) der Depp.

Ist das wirklich bundesweit ein reales Problem? 

Ja. Nicht für jeden, aber für sehr viele Eltern. Paare kennen das abendliche Betreuungsproblem in der Medium-Version. 
Alleinerziehende haben das  Problem täglich in der Hardcore-Edition und die werden steuerlich dazu noch so dermaßen abgezockt, da bleibt einem gerade in diesem Zusammenhang mal wieder die Spucke weg. 
Der Bundesfinanzhof (quasi der BGH für Finanzfragen) hat im Januar 2017 eine Revision eines Urteils zurückgewiesen, in der eine wichtige steuerliche Frage angeprangert und abgeändert werden sollte. Alleinerziehende bekommen die Steuerentlastung durch das "Ehegattensplitting" nach wie vor nicht, obwohl sie genau das jeden Tag betreuen und die Kosten dafür schultern, was das Ehegattensplitting fördern und ermöglichen sollte: Kinder.  Dazu haben sie noch überwiegend ein geringes Einkommen, so dass sie die Absetzbarkeit ihres Kindermädchens (ich höre tausende Alleinerziehende gerade laut lachen) überhaupt nicht nutzen können. Ehepaare ohne Kinder dagegen profitieren steuerlich vollkommen unproblematisch von diesem Ehegattensplitting, auch ein ganzes kinderloses Eheleben lang, ohne in dieser Zeit auch nur einen einzigen Cent für die Betreuung von Kindern ausgeben zu müssen. 
Eindrucksvoller als im Lichte der Betreuungskosten kann man den Fehler des Ehegattensplittings aus meiner Sicht kaum darstellen. Wer Bock auf hohen Blutdruck hat, der lese ergänzend dazu gerne hier nach. Ich verleihe sonst auch gerne die Tüte, in die ich atmen muss.

Auf nach Haithabu!

Ich pack jetzt die Kinder ein und fahre nach Haithabu. Das ist eine uralte, dänische Wikingersiedlung in der Nähe von Schleswig und Kiel und war ab dem 8 Jahrhundert ein wichtiger Handelsplatz. 

Während meine Kinder dort ein Amulett schmieden dürfen, denke ich drüber nach, wie ich 12 Jahrhunderte später mal wieder gute Ideen aus Dänemark hierher importiert bekomme.

Wer von Euch kennt ähnliche Initiativen aus seiner Kommune? Wie sieht es bei Euch mit den Betreuungskosten aus? Könnt oder wollt ihr 24-Stunden Kitas nutzen? 


Mine damer og herrer, jeg onsker Dem en god weekend!




Kommentare:

  1. Liebe Juramama,

    Du sprichst mir, wie so oft, aus der Seele. Ich bin alleinerziehend, war auch schon alleinschwanger. In der Elternzeit lief mein Vertrag aus und es folgte ein langer Kampf bis ich zum einen einen Job als Krankenschwester und zum anderen eine passende Betreuungssituation gefunden hatte. Unsere Stadt bezuschusst private Kindertagespflege, also Tagesmütter, die einen einwöchigen Kurs absolviert haben. Dementsprechend fähig sind sie auch, ganz zu schweigen von den häufigen Krankheitstagen, an denen ich dann einfach Pech hab... eine Tagesmutter verlangt zwischen 8-11€ pro Stunde, pro Kind. Die Stadt bezahlt 5,50€, diese muss man jedoch einkommens- und stundenabhängig zurück bezahlen.
    Im Moment zahle ich 450€ an die Tagesmutter direkt plus 180€ an die Stadt bei 36 Betreuungsstunden die Woche. Für Übernachtungen (22-6 Uhr übernimmt die Stadt nichts) haben wir einen Pauschalbetrag von 20€ die Nacht. Wenn der Papa also die Nachtdienste nicht übernimmt bin ich bei 700€ und mehr. Bei einem Nettogehalt von 2000€...

    Da Kinderbetreuung unter 3 Jahren kein Mehrbedarf gerechtfertigt übernehme ich die Kosten allein (wenn man mal überlegt, dass mir eigentlich noch ein Jahr Betreuungsunterhalt zusteht, merkt man wie dumm ich eigentlich bin)

    Aber andere Möglichkeiten habe ich nicht. Ach doch.... Hartz 4, da hätte ich sogar mehr Geld zur Verfügung als mit einer 100% Stelle. TRAURIG!

    AntwortenLöschen
  2. In Belgien gibt es von den Gemeinden einen "Kind-Krank-Service". Da kommmt, wenn Kind krank und Eltern Arbeit müssen, eine Kinderkrankenschwester oder Tagesmutter mit "kleiner medizinischer Zusatzausbildung" zu dir nachhause, für kleines Geld - < 10EUR die Stunde.

    AntwortenLöschen
  3. Hi, ich habs persönlich nicht ausgetestet, wie das so funktioniert, aber in Berlin gibts seit neuestem MoKiS – Mobiler Kinderbetreuungsservice für Eltern mit besonderen Arbeitszeiten http://www.mokis.berlin/index.php

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über Euer Feedback!