Montag, 3. August 2015

Mein Tagebuch, Polka und der Landesverrat


In den 90ern des vergangenen Jahrhunderts war ich jahrelang so um die vierzehn Jahre alt. 
Wie nahezu alle meinen pubertierenden Geschlechtsgenossinnen, schrieb ich passioniert Tagebuch.


Bewegendes im DIN-A6 Format. Oft mit verwackelten Fotos aus der letzten 36er Filmrolle und den Duckface-Selfies der ersten Stunde illustriert. Das wahre #nofilter und #picoftheday.

Auch Gedichte über die Liebe oder den Geschmack von Wolken finden sich darin. Liedtexte über Freundschaft, Atomkraft und den Weltfrieden, wie beispielsweise mein Song "Kein Geld für Öl" mit drei Akkorden zur Gitarre aus dem April 1993. 
Mehr als drei Akkorde kann ich noch immer nicht, dafür aber auf drei verschiedenen Instrumenten. Ich vermute übrigens, dass ich mich eigentlich gegen "Krieg für Öl" aussprechen wollte, aber "Geld für Öl" hatte ich damals auch nicht, daher zählt das als Protest.


Tiefsinnige Miss-Germany-Wahl-Weisheiten wie 
"Live your dreams. Face your fears"  
zierten als Grafittientwurf in Ballonschrift meine Seiten. Wahrscheinlich meinte ich damit Ferien auf dem Reiterhof und Hufe auskratzen beim bissigen Pony "Comtess". Ein Konflikt, geschrieben mit meinem königsblauen Lamyfüller und ultrahipper, smaragdgrüner Tinte.

Mein Büchlein war, wie meine Bettwäsche auch, mit einem schwarz-weiß Foto eines amerikanischen Teenagerpärchens in Levi's Jeans auf der Route66 bedruckt und beinhaltet folgenden Meilenstein aus dem Oktober 1994:
"Liebes Tagebuch,
 * 19.10.1995 -
† 08.12.1995.
Es ist Schluß. Es hat genau 1 Monat und 19 Tage gehalten.
Chris und ich haben uns auseinandergelebt.
Polka ist gestern gestorben.*
Morgen schreiben wir Mathe.
Deine Nina."

*Polka war mein einäugiges Meerschweinchen. Das sollte ich für die Polkafans unter Euch sicherheitshalber erwähnt haben.

Logischerweise übermalte ich Chris' Gesicht auf dem vier Wochen zuvor eingeklebten Foto sofort mit schwarzem Edding und hörte "Where did you sleep last Night" von Nirvana. Kurt Cobain verstand mich und meinen schrägen Weltschmerz. Ich vertraute dem Tagebuch an, dass ich beabsichtige nach Seattle zu pilgern um suizidäre Gedanken mit Kurts Grabstein auszutauschen. Meine Tochter sollte in seinem Andenken eines Tages auf den Namen "Frances Bean" hören. Meine beste Freundin präferierte zu dieser Zeit den Namen "Anna-Bêlle Juliètte Christin" für ihre Erstgeborene.
Steht alles da drin und zeigt unmissverständlich, warum Teenagerschwangerschaften damals und heute unbedingt zu vermeiden sind.

Warum zum Teufel erzähle ich Euch, was in meinem Tagebuch steht?
Weil es privat ist.
Das Label "Privat" zählt heute nicht mehr. Deswegen kann es ja gleich jeder wissen. Oder nicht?

Das Tagebuch hatte 1995 eine vorinstallierte Schließanlage. 
Sie bestand aus einem winzigen, herzförmigen Vorhängeschloss aus Blech und einem dazugehörigen, mikroskopisch kleinen Schlüsselchen. Beides bewahrte ich an sehr geheimen Orten, getrennt voneinander auf. Meine Teenagererlebnisse erforderten selbstverständlich maximale Einbruchsicherheit. Ein unumstößlicher Grundsatz. Niemanden ging es etwas an, was mein Herz bewegte. Alle meine Freundinnen wären solidarisch mit Pechfackeln losgezogen, um meine Privatheit zu rächen, hätte jemand dreist meine Firewall aus Blech mit einem Zahnstocher, oder so, umgangen und einfach mal still mitgelesen.

Welche Naivität und trügerische Sicherheit trage ich 20 Jahre später zur Schau, gemeinsam mit nahezu allen Ex-Tagebuchschreiberinnen in diesem Land, wenn wir uns heute tatsächlich einbilden, dass wir "nichts zu verbergen haben."  

Als Vierzehnjährige, mit unseren Blechschlüsseln, hatten wir ein deutlich gesünderes Verhältnis zu unseren "Geheimnissen", als wir es heute haben. 


Hurra, Hurra, der Landesverrat ist wieder da


Die reale Bedrohung wegen "Landesverrats" der Journalisten von Netzpolitik.org ist ein guter Aufhänger, um zu umreißen, was die deutschen Behörden auf dem Gebiet der Überwachung so treiben dürfen und was mit unseren Daten geschieht.

Landesverrat in den Zeitungen im In- und Ausland.

Die Journalisten von netzpolitik.org hatten unlängst Papiere veröffentlicht, denen zu entnehmen war, dass der deutsche Verfassungsschutz eine interne Abteilung geschaffen hat, die das Internet überwachen und Internetinhalte massenhaft erfassen und auswerten soll. Wer hat mit wem Kontakt. Wer surft auf welcher Website. Eine kostspielige Angelegenheit. Die Geheimhaltungsstufe entsprach der geringsten Klassifizierung und hat durch die Veröffentlichung der Journalisten genau den Wirbel verursacht, den Sachen wie diese in einer gesunden Demokratie auch verursachen sollten.

Recht einhellig haben mitterweile die Juristen festgestellt, dass die Veröffentlichung der Dokumente den Tatbestand "Landesverrat" vermutlich gar nicht erfüllt hätte.Trotzdem wurde gegen die Journalisten ermittelt. Landesverrat gehört zu den Delikten, die eine Überwachung der Telekommunikation der Verdächtigen erlauben.

Verdächtige dürfen durchsucht werden. Zu Hause und im Internet.
 
Schon der Verdacht einer Straftat hat nämlich durchaus Konsequenzen. Die Behörden beginnen zu ermitteln. "Verdächtiger" klingt so gemein. So schuldig. Aber das ist man gerade (noch) nicht. 
Mein Sohn hat mich heute morgen verdächtigt, heimlich mit seinem Kleinkind-Fahrrad mit Stützrädern zum Bäcker gefahren zu sein. Wer mich kennt, weiß, dass dieser Verdacht nicht der Stützräder wegen absurd ist, sondern weil ich generell niemals Fahrradfahren würde. Nirgendwohin. 
Ein Ermittler kennt mich nicht, der müsste das nachforschen.

Bestimmte Straftaten oder der Verdacht, sie begangen zu haben, erlauben es den Behörden, die Verdächtigen zu durchsuchen, abzuhören und zu überwachen um den Verdacht zu bestätigen.
Diese möglichen Straftaten sind in § 100a der Strafprozessordnung  (StPO) aufgelistet und beeindruckend umfangreich. "Landesverrat" ist eine von ihnen. Sie reicht über Mord und Brandstiftung, Steuerhinterziehung und Mitgliedschaft in einer Bande, die Straftaten plant, bis hin zu Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, wenn man also verdächtig ist, Drogen zu verkaufen.

Früher, zu Zeiten der Freundschaftsbücher, der Liebesbriefe und der Zettelchen, die durch's Klassenzimmer flogen, war die sogenannte "Hausdurchsuchung" nach § 102 bis § 110 StPO das Mittel der Wahl und ist nach wie vor ein dickes Ding. Ein Richter muss das -auch noch heute noch- erlauben. Das ist der "Richtervorbehalt".  Meist eine zu leichte Hürde für die Behörden, finden Anwälte, aber immerhin ein gewisses Korrektiv. Wohnungen sind grundrechtlich geschützt, sie sind sehr privat. Briefe ebenfalls. Würde ich morgen ins Koma fallen, dürfte mein Mann nicht mal legal meine Post öffnen, er würde das Briefgeheimis verletzen. Für die Vorratsdatenspeicherung wird noch gestritten, ob ein solcher Richervorbehalt sein muss. Das ist irgendwie schräg.


Wir sind heute digital.
Briefe verschicken wir heute aber nur noch beruflich. Fotos sind sämtlich digital auf dem Handy oder in der "Cloud". Rechnungen kommen per Email. Briefe an die Lieben ersetzen wir heute durch WhatsApp oder SMS mit Herzchen und lachenden Kackhaufen-Emojis an deren Handynummer. Der Dia-Abend vom Urlaub liegt heute als .jpg Datei hochgeladen beim Rossmann-Online-Fotoportal, geshared auf Flickr und die Tagebücher sind die Facebook-Timeline. Ganze Wohnungen mit Unterlagen befinden sich quasi digital im Internet.

Die Rückschlüsse, die sich aus diesen Aufzeichnungen unseres Alltags ziehen lassen, sind dagegen nicht weniger persönlich geworden, nur weil wir jetzt tippen statt Füllfedern schwingen.


Neugier? Verdacht? Kontrolle? 
Es macht auch einen Unterschied, wer unser Geschriebenes liest. Warum er es liest und mit welchen Hintergedanken. Will er einen Verdacht ausräumen? Ihn bestätigen? Ist er nur neugierig oder ein Kontrollfreak?

Meine Eltern hätten mich ausweislich meiner Tagebucheinträge für eine suizidäre Anarcho-Schwangere mit fragwürdigen Prioritäten halten müssen, die zudem Gefahr läuft, eine Karriere als gitarrespielende Frontfrau in der linken Liegefahrradfahrer-Szene anzustreben. Vermutlich hätte sie das mit der Gitarre am meisten besorgt.

Warum sollte die Fremdwahrnehmung bei bei unseren SMS, unseren Emails und unseren Fotos anders sein als bei Tagebüchern und Briefen?

Hausdurchsuchung vs. digitales Mitlesen
Was wir bei der Nutzung des Internet in seinen vielfältigen Formen über uns preisgeben, ist viel mehr, als jede Hausdurchsuchung jemals über uns zu Tage fördern würde. Wir googlen heute alles kurz und klein. Früher dachten wir nur drüber nach oder schlugen mal "im Brockhaus" nach. Wenn wir befürchteten, uns einen Tripper eingefangen zu haben, wusste dies einst nur unser Hausarzt und die Sprechstundenhilfe. Heute weiß es zuerst Google, dann der Arzt, dann die Sprechstundenhilfe und dank der zentralen, internetbasierten Speicherung unserer Gesundheitsdaten auch eine gewaltige Datenbank, verwaltet von...wem eigentlich?

Eine Hausdurchsuchung geht außerdem nicht unbemerkt am Verdächtigen vorbei. Die meisten von uns merken, wenn 3-4 Erwachsene sich durch die Schubladen im Wohnzimmer pflügen und Habseligkeiten in Umzugskartons aus der Tür tragen. 

Die digitale Durchsuchung dagegen vollzieht sich vollkommen still, stumm und unbemerkt.

Vielleicht erfährt es ein Verdächtiger sogar nie, wenn sein Facebook und GMX-Account ausgelesen wurde und sich der Verdacht gegen ihn eben nicht erhärtete. Dann geht die Akte der Behörden einfach innerhalb der Verjährungsfrist wieder zu. Fehlalarm. Anklage wird nicht erhoben. 
Kein Brief wie dieser: "Hallo Herr Schultze, wir dachten, ihre Skatrunde wäre eine Geldwäschebande. Wir haben uns geirrt. Wir haben ihren Facebook Account gehackt und ein paar Wochen mitgelesen, nette Freunde haben Sie. Die Blonde mit den Brüsten finden wir auch am Besten. Bis bald, ihr Landeskriminalamt"
Das passiert doch alles nicht! Doch. Das passiert. Jeder Strafverteidiger weiß das.

Wer sind diese Nerds und warum regen sie sich so auf ?
Viele Datenschützer (das sind die Leute die diesen ganzen IT-Kram verstanden haben, den wir permanent nutzen, aber nicht durchschauen) schreien deswegen seit Monaten und Jahren mit Schaum vor dem Mund herum, wenn es um das "Telekommunikationsgesetz" geht, um "Vorratsdatenspeicherung" und um "Bestandsdaten" oder den "Bundestrojaner".  

Und was machen wir Internetuser derweil? Wir sind gewohnt irritiert von den Computer-Nerds, wie damals schon, in der neunten Klasse. Wir sollten zuhören, denn es trifft unsere Generation ganz direkt mitten ins Herz unserer Freiheit. Verdammt nochmal.


Ihr gehört gar nicht auf eine Liste der Verdächtigen?

Den 318-Seiten langen Datenschutzbericht (hier die Anlage in Kurzform) unserer Bundesdatenschutzbeauftragten Daniela Voßhoff für 2013 und 2014 habe ich mir mit blutunterlaufenen Augen im Urlaub durchgelesen. Seitdem ist mir ködderig. Ich will meinen Blechschlüssel zurück und fordere eine Brieftaube.

Die Datenschutzbeauftragte Voßhoff beanstandet darin zum Beispiel, dass gesetzliche Löschungsfristen bestimmter Daten über Deutschlands Bürger einfach nicht eingehalten werden. Ignoriert? Keine Lust? Keine Zeit? "Nach sieben Tagen/30 Tagen sind die Daten zu löschen" steht in vielen Gesetzen als Gegengewicht zur erlaubten Datensammelei, damit diese Gesetze überhaupt das Bundesverfassungsgericht überstehen. Verhältnismäßigkeit nennt man das. Wenn aber der menschliche Arm des Gesetzes, der Sachbearbeiter, nicht auf "Erase" drückt, dann löscht sich da eben auch nichts. 
Der ehemalige Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert sagte es ähnlich unabhängig und deutlich:
 "Unbestreitbar ist, dass die bestehenden rechtlichen Anforderungen in der Praxis oft nicht beachtet werden." 
Ein Gesetz, dass nicht beachtet wird, ist Schrott. Vollkommen nutzlos. Das gilt für uns Bürger und den Staat aber gleichermaßen. 
#Hoppala.

Anti-Atomkraft ist extrem
Weiter berichtet Frau Voßhoff von einem fidelen Haufen Anti-Atomkraftdemonstranten, deren Personalien auf der Liste des Verfassungschutzes über "gewaltbereite Extremisten" gelandet waren. Das BfV begründete die Speicherung damit, dass "gegen Atomkraft demonstrieren" ein linksexremes Gewaltpotential habe. Fand Daniela Voßhoff nicht so gut und nannte das, zu Recht, einen "schweren Rechtsverstoß". Da gaben das Bundeskriminalamt und das BfV klein bei und räumten ein, dass sie diese unbescholtenen Menschen, die in ihrer Freizeit gegen Atomkraft umhermarschierten, nicht hätten speichern sollen. Naja. Shit happens.
#Hoppala.

Manch' einer findet es nicht schlimm, auf einer Liste zu stehen, von der er gar nichts weiß
Nun,  es gab mal eine Liste über Homosexuelle in Deutschland. Als sich die Stimmung in unserem Land recht plötzlich änderte, damals, als der schnauzbärtige Irre seine rechten Parolen durchgesetzt hatte, diente die einst "harmlose" Liste ein paar Jahre später dazu, diese Menschen unerbittlich zu verfolgen. Passte nicht mehr in die Gesinnung und schon hat eine Liste ungeahntes Zerstörungspotential für unser Leben, Glück und Freiheit.
#Hoppala.
Quelle: Bild.de
Vielleicht darf man in 10 Jahren das Land nur noch verlassen oder wieder rein, wenn man nicht auf der "Hat-mit-Döner-herumgeworfen-Liste" steht? Meine Freundin Katrin hat mal alleine in der Fußgängerzone gegen durch Reifen springende Blauwale protestiert. Macht sie das zum militanten Tierschützer und steht sie auf einer gewaltbereiten Extremisten-Liste? Darf sie nächstes Jahr noch ausreisen, wenn jetzt die Fluggastdaten gespeichert werden? Vielleicht ist dieser Artikel schon unbequem und ich stehe auf der Blogs-die-wir-scheiße-finden-Liste? Ich weiß es schlicht nicht und etwas nicht zu wissen, macht unsicher.


Der Staat möchte keine Systeme, die er nicht ständig mitlesen kann.WhatsApp wird verboten.
Der britische Premier David Cameron hat unlängst erwogen, Whats App, den iPhone "iMessanger" und auch Facetime zu verbieten. Deutschland stimmt ihm zu. Der Brite Cameron  begründete dies mit folgenden Worten, die Erstaunen hervorrufen: 
 „Müssen wir in unserem Land Kommunikationswege hinnehmen, die wir nicht mitlesen können? Nein, das müssen wir nicht.“
Puh, also ich wäre da jetzt zumindest mal zwiegespalten? 
Briefe sind auch ein Kommunikationsweg. Werden die auch schon durchleuchtet? Angefangen und wieder verklebt? Hier wäre ein Aufschrei vorprogrammiert. Ist der Brief getippt statt geschrieben, nehmen wir das hin. Wegen der Terrorgefahr. 

Ich will nicht, dass "mein Land" meine Whats-App lesen kann, ohne dass ich es weiß. Ich weiß nicht mal wer "mein Land" genau ist. Text Messages sind wie kleine Briefe. Wie ein Tagebuch. 
Sie unterliegen meinen eigenen Geheimhaltungsklassifizierungen A,B und C:

A. "Ich druck es mir auf ein T-Shirt"
B. "Wenn Du das jemandem sagst, werfe ich Dir eine verkackte Babywindel in den Vorgarten" und 
C. "Diese Nachricht zerstört sich in 30 Sekunden selbst und Deine Erinnerungen werden von den "Man in Black" geblitzdingst".

Helmut Schmidt sagte vor 40 Jahren anlässlich des RAF-Terrors:
"Wer den Rechtsstaat zuverlässig schützen will, der muss innerlich auch bereit sein, bis an die Grenzen dessen zu gehen, was im Rechtsstaat erlaubt ist“.  
Damals wurde vom Fräulein zum Diktat in Steno mitgeschrieben. Die Grenzen haben sich durch das Internet massiv verschoben. Vom Internet ahnte der Helmut damals noch nichts. Thomas de Maizière weiß heute aber auch noch nicht, was 2045 an der Tagesordung sein wird Brauchen wir bald wieder "The Hoff" - David Hasselhoff, der uns diesmal eine Berliner Firewall mit  "Looking for Freedom" herbeisingt, um uns zu befreien?
 
Ja. Terror durch radikale Extremisten macht mir Angst.  
Den braunen Mob, der Flüchtlingslager anzündet und auf Twitter Stimmung macht, möchte ich verfolgt wissen. Natürlich möchte ich, dass niemand meine Kinder stiehlt oder Menschen hochbombt, die ich liebe. Ich möchte sie lebenslang wegsperren und sie sollen dem System nicht entwischen. Ich bin all den Beamten und Sicherheitsleuten dankbar, die sich damit täglich rumschlagen müssen.

Aber wenn der SPD-Politiker Reinhold Gall twittert: 
"Ich verzichte gerne auf #vermeintliche Freiheitsrechte, wenn wir damit einen Kinderschänder überführen", 
dann möchte ich trotzdem entschieden widersprechen. Meine ungestörte Kommunikation mit Anderen sind "echte Freiheitsrechte". Ich möchte auch anzweifeln, dass sich die Beweislage in der Edathy-Affaire mit der Speicherung irgendwelcher Daten auf Vorrat verbessert hätte. 
Die Franzosen sammeln bereits massenhaft Telefondaten und haben Charlie-Hebdo leider nicht kommen sehen. 
Mein allgemeines Lebensrisiko kann ich nicht durch eine Überwachung meines Alltags ausschalten, das verschiebt nur die Quelle des Risikos, nicht die Gefahr.

Die neue Fluggastdatenspeicherung erlaubt nicht nur, dass meine Reiseroute und meine Kreditkartendaten gespeichert werden, sondern auch, wer auf dem Platz neben mir saß und die Daten von Ingo, meinem Reisebüromenschen. Auch, was ich an Bord gegessen habe wird fünf ! Jahre lang gespeichert. Ich finde Menschen die Lactose-Gluten-Fructosefrei-Vegan im Flugzeug bestellen, zwar schräg, aber nicht verdächtig.
Arzu, meine liebe Freundin, mit Dir flieg' ich besser nicht mehr nach Istanbul und bestelle Köfte.

Gefahrlos hinfahren können wir leider auch nicht, denn Bordcomputer in Autos übermitteln das an, ja, weiß man nicht so genau. Während der Fahrt geht ständig der Scheibenwischer und die Lüftung an, weil sich ein Witzbold in mein Auto gehackt hat, wie neulich in den USA in einen BMW. 
Vielleicht wird die neue KFZ-Versicherung auch deutlich teurer, der Versicherer kann bald sehen, wieviel ich und wohin ich fahre?
Die Gesundheitskarte speichert unsere Krankengeschichte und hat wohl massive Sicherheitslücken. Schon allein, weil offenbar nicht geprüft wird, ob wirklich der Oliver Diabetes bekommen hat, oder das Krümelmonster, denn das hat eine Krankenkasse auf die Karte gedruckt. 
Das Fitnessarmband  mit dem "Mach' Sport, Du fauler Sack" Tracker ist vielleicht bald Voraussetzung, wenn man den extra günstigen Krankenkassentarif haben möchte. Wer es verweigert, zahlt mehr. Wer wenig Sport machte, egal aus welchem Grund, bekommt weniger Zuschuss zu einer späteren OP? 
Hier beschreibt der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar, warum der eine bereits heute stundenlang in der Telefonhotline kleben bleibt und der andere sofort durchgestellt wird.

In 2014 wurde ausweislich der Statistik der deutschen Bundesnetzagentur alle 5 Sekunden bei ihr abgefragt, welcher Name zu welcher Telefonnummer gehört. Fast 7 Millionen mal. Soviele Mörder, Pädophile und Terroristen weilen hoffentlich nicht unter uns, sonst kauf ich mir morgen illegal 'ne Wumme und ziehe mit den Kindern auf einen Baum. 
Trotzdem werden Gesetze, wie das Telekommunikationsgesetz, fast ausschließlich mit unseren Ängsten vor diesen furchtbaren Leuten begründet. Die Masse der Anfragen zeigt, was passiert, wenn etwas erstmal erlaubt ist.

Diese Freimütigkeit der staatlichen Kontrolle macht mir auch Sorgen.
Sie unterliegt politischen Schwankungen und aufgeheizten Stimmungen und wird von normalen Menschen ausgeübt, die auch mal Fehler machen, schlampig arbeiten, überfordert und unterbezahlt sind, Eigeninteressen und die ganze Bandbreite an menschlichem Versagen in sich vereinen.


Sophie Scholl. Quelle: Bundesarchiv
Sieben Jahre nach dem letzten "Landesverrat"-Vorfall 1962 sang Elvis "We can't go on together with suspicious minds." Wie Recht er hat, auch wenn er nicht Vater Staat und Mutter Erde sondern Liebespaare meint.
Sophie Scholl spielte an einer Gefängnismauer auf der Flöte "Die Gedanken sind frei" von Hoffmann von Fallersleben für einen hitlerkritischen Verdächtigen. Ihren Vater. Hätte es damals Emails gegeben, wäre er als Verdächtiger staatsfeindlicher Gesinnung sicherlich digital ausgespäht und ebenso inhaftiert worden.

Wie sieht unsere Politik in 20 Jahren aus? 
Wer ist dann Feind des Staates, wer ist sein Freund?
Welche Nachteile können wir heute noch nicht absehen?

Also lest Eure Tagebücher, falls ihr mal was zum Lachen braucht und seid Euch bewusst, was um Euch, still und leise in Bits und Bytes, geschieht. Datenschutz ist wichtiger denn je. 

Eure Juramama

Nachtrag vom 04.08.2015: Die Berliner Zeitung berichtet heute folgendes: Eine Abiturientin aus Hessen möchte bei ihren Verwandten in den USA vier Monate Urlaub machen. Sprache lernen. Burger essen. Nicht legal Bier trinken. Leider kommt sie dort nie an, es wird ihr die Einreise an der Passkontrolle verweigert und mit einem Chat auf Facebook zwischen ihr und ihrer Cousine begründet. Sie hatte ihrer Cousine angeboten, gerne auch mal die Kids zu hüten, wenn sie da sei. Das war den Behörden in den USA offenbar bekannt und sie schickten sie im nächsten Flieger wieder heim. Erteiltes Urlaubsvisum ungültig, sie brauche ein AuPair-Visum. Sie hatte "nichts zu verbergen" und sitzt jetzt trotzdem nicht bei Wendy's und isst Burger. Es geht mir NICHT gut damit.




Kommentare:

  1. Toll geschrieben uns sehr lesenswert !

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  2. Hammer! Wunderbar! Sehr gut geschrieben und präzise auf den Punkt gebracht. Schade nur, dass es nichts ändert, weil Albert Einstein eben doch Recht hatte, als er sagte, dass das Weltall und die Dummheit der Menschen unendlich seien, er sich jedoch beim Weltall nicht so sicher sei. Bleibt die Frage, ob die Klügeren einmal zu oft nachgegeben haben...

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  3. Wunderbar. Einfach, ehrlich und geradeheraus. Und vor allem verständlich. Es wäre schön, wenn es mehr so klare Aussagen zu diesem uns alle betreffenden Thema geben würde. Du hättest gerne noch das Beispiel des britischen Paares erwähnen können, die per WhatsApp untereinander (!) davon schrieben, dass sie in ihrem USA-Urlaub die Bombe hochgehen lassen würde, dass sie es richtig krachen lassen etc ... mit dem Ergebnis, dass sie beim Einreisen in die USA stundenlang festgehalten und verhört wurden um dann nach endlosen Befragungen wieder zurückgeschickt zu werden.

    Die beiden hatten schlichtweg davon geschrieben, dass sie sich in Bars betrinken und feiern wollten. Sehr terroristisch!

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  4. Hach! Ein schöner, guter, wichtiger Text. Danke.

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  5. Mustafa, ein alter Araber, lebt seit mehr als 40 Jahren in Chicago. Eines Tages kommt er auf die Idee, dass er in seinem Garten Kartoffeln pflanzen möchte. Da er alleine ist, alt ud schwach, schreibt er seinem Sohn, der in Paris studiert eine Email…

    „Mein lieber Ahmed, ich bin sehr traurig. Ich schaffe es nicht mehr, in meinem Garten Kartoffeln zu pflanzen. Wärst Du hier, könntest Du mir helfen den Garten umzugraben. Dein Vater.“

    Wenig später erhält der alte Mann eine Antwort seines Sohnes:

    „Lieber Vater, bitte rühre auf keinen Fall irgendetwas im Garten an. Dort habe ich nämlich ‚das Ding‘ versteckt. Dein Sohn Ahmed.“

    Keine halbe Stunde später umstellen Spezialeinheiten von FBI und CIA das Haus des alten Mannes.

    Sie stellen alles auf den Kopf, graben im Garten, suchen jeden Millimeter ab, finden aber nichts.

    Enttäuscht ziehen sie wieder ab.

    Am nächsten Tag erhält der alte Mann noch eine E-Mail von seinem Sohn:

    „Lieber Vater, ich nehme an, dass der Garten jetzt komplett umgegraben ist und dass Du die Kartoffeln pflanzen kannst. Mehr konnte ich nicht für Dich tun. In Liebe, Ahmed“

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